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Lesewarnung

Sanssouci von Sten

Andreas Maier: Sanssouci, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 2009, 19,80 Euro.

Kulturpolitik in Potsdam, das ist wenn eine Bande von Feiglingen und Reaktionären, ohne Geschmack und Sinn für Ästhetik die Produktion von kulturindustrieller Dutzendware verwaltet. Die Resultate sind entsprechend peinlich. Eine der überregional bekannteren Peinlichkeiten ereignete sich, als die Stadt Potsdam dem Schriftsteller Andreas Maier 2005 im Zuge der – gescheiterten – Bewerbung als Kulturhauptstadt 2010 ein Stadtschreiber-Stipendium angedeihen lassen wollte. Man wollte so tun, als ob Potsdam auch etwas mit zeitgenössischer Kunst zu tun habe. Maier sollte allerdings in einer Plattenbauwohnung der Gewoba untergebracht werden, was die Freunde von Barock und Reaktion auf die Palme brachte. Schließlich sorgten Potsdams Innenstadthändler dafür, dass Maier in einem Barockhaus am Broadway unterkam. Nun hat Maier im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel „Sanssouci“ seinen Potsdam-Roman vorgelegt. Das Resultat ist genauso peinlich, wie die Potsdamer Kulturpolitik.

Die Geschichte (so man diesen Begriff überhaupt verwenden kann): Max Hornung, ein Regisseur aus dem Westen, der über ein Potsdamer Neubaugebiet eine umstrittene Fernsehserie namens „Oststadt“ gedreht hat, kommt ums Leben und wird im Westen beerdigt. In Potsdam diskutiert man darüber, wie man seiner würdig gedenkt. Ein merkwürdiges Geschwisterpaar wandelt durch die Gegend. Esoterikerinnen lassen sich von gutgläubigen Männern schwängern, um diesen dann die Kinder vorzuenthalten. Eine von ihnen hat ein Kind namens Jesus und praktiziert SM-Sex in einem Labyrinth unter dem Park Sanssouci. Ein russisch-orthodoxer Mönch betreibt Ermittlungen. Die linke Szene organisiert eine Demo gegen die Garnisonkirche und lebt ihre Frühlingsgefühle aus. Am Ende kommt heraus, dass der Regisseur die Serie nur gedreht hat, um mit dem Geld, das er dafür von der Stadt erhielt den Unterhalt der Kinder eines Freundes, deren Mutter er geheiratet hat, zu bezahlen. Ein Mädchen stürzt bei der Antigarnisonkirchendemo von den Schultern eines Freundes und stirbt.

Offensichtlich hat Maier mehrere Ideen gehabt, aus denen er einen Plott entwickeln wollte: das Aufeinanderprallen von DDR-Spießern und westdeutscher Kultur-Schickeria, Väter die ihre Kinder nicht sehen dürfen, die Verlogenheit der Kleinstädte, wo hinter sauberen Fassaden Abgründe gähnen. Aber Maier kann aus diesen Ideen keine Geschichte entwickeln. Also haut er noch eine gute Portion „Lolita“ drauf, würzt mit „Sakrileg“ nach und dreht alles einmal durch den Wolf. Das Resultat ist danach. Warum Max Hornung und die Serie „Oststadt“ jetzt umstritten waren, bleibt völlig unklar. Die ausgedehnten Passagen zum Sexualleben der ProtagonistInnen (vor allem der mit kleinem i) lesen sich wie eine Altherrenphantasie. Dargestellte Konflikte und Motivationen der Figuren sind langweilig oder unglaubwürdig. Aber Maier hat nicht nur nichts zu erzählen, er kann auch nicht schreiben. Was lakonisch klingen soll, erinnert an Grundschulaufsätze, in denen chronologisches Geschehen in der Art „und dann und dann und dann“ geschildert wird. Ein Beispiel: „Er fuhr direkt nach Eiche zum Haus von Merle Johansson. Es handelte sich um das Gebäude einer ehemaligen Ziegelfabrik, das zu Miet- und Eigentumswohnungen umgebaut worden war. Das Haus lag abseits der Straße. Auf dem Firmengelände war seit der Wiedervereinigung eine Siedlung entstanden, die bei den Potsdamern sehr beliebt war, da sie genau den Stadtrand bildete und nicht nur an den Wald, sondern auch an ein neu gebautes Frei- und Hallenbad grenzte. Das machte die Siedlung besonders für Familien attraktiv. Mai lehnte das Fahrrad gegen den Schwimmbadzaun. Man konnte durch die noch nicht ganz zugewachsene Hecke die Badegäste auf Handtüchern lagern sehen. Direkt hinter dem Zaun saß eine Gruppe blonder Mädchen in schwarzen Bikinis, gepierct und Zigaretten rauchend.“ Und das auf 300 Seiten!

Verstanden hat Maier von der Gesellschaft in der seine Geschichte spielt nichts. Entweder kann er nicht beobachten oder er will es nicht, ersteres ist aber wahrscheinlicher. Da hängen beispielsweise bei Großeltern Kruzifixe an der Wand und sind uneheliche Kinder ein Skandal. Das mag ja in der westdeutschen Provinz, aus der der Autor entsprungen ist, so sein, ist im Osten der 2000er Jahre aber trotz familiärem Rollback und neuer Religiösität einfach nur albern. Aber dafür hat er sich einen Stadtplan von Potsdam gekauft und kann sehr korrekt die Wege der Figuren durch die Stadt anhand der Straßennamen beschreiben. Dieses Namedropping soll wohl Ortskenntnis simulieren und Beobachtungsgabe ersetzen.

Erheiternd sind die Vorstellungen Maiers von der linken Szene. Diese, bestehend aus pubertierenden Hippie-Mädchen, Punkern und düster-intellektuellen Gymnasiasten, trifft sich in der Waschbar oder im Kotz (leicht zu erkennen: das KuZe). Während die Waschbar ein Hippieidyll ist, ist das Kotz der Hort des Punkrock. Schade, das Maier das Archiv nicht entdeckt hat, was hätte er wohl daraus gemacht?

Das Frauenbild Maiers stammt offensichtlich aus dem Umfeld reaktionärer „Vätergruppen“. Frauen, zumeist fiese Veggie-Faschistinnen, wollen bei Maier von Männern geschwängert werden, um diesen dann jeden Kontakt zu den Kindern zu verbieten, sie aber über den Unterhalt finanziell auszunehmen – oder sie sind lesbisch. Und dann gibt es da noch die Mädchen aus der linken Szene, die es Maier ganz offensichtlich angetan haben. Aber auch hier scheint unter der erotischen Faszination der Hass stärker zu sein: die wichtigste Protagonistin aus diesem Spektrum muss auf der Antigarnisonkirchendemo unmotivierterweise sterben.

Fazit: Maiers Buch ist was für Lokalpatrioten und Freunde von Schlüsselromanen, für alle anderen verschwendete Lebenszeit.

Culture Jamming

Rezension: Kalle Lasn: CULTURE JAMMING – Das Manifest der Anti-Werbung, 2005 deutsche Erstausgabe

von Jost Althoff


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Wie Marcus zu M1k3y wurde

Cory Doctorow: „Little Brother“

Rezension von Jonas

Little Brother Überwachung ist ein Thema dass viele Menschen immer mehr interessiert und hinter dem Ofen der politischen Untätigkeit hervorlockt. Viele der Aktivisten haben natürlich die Bibel aller Überwachungstheoretiker, „1984″ von George Orwell, gelesen. Doch ist das Buch schon über 60 Jahre alt und so kam dem kanadischen Science Fiction Autor Cory Doctorows die Idee, das Szenario in die heutige Zeit und die US-amerikanische Wirklichkeit zu übertragen.

Der Protagonist Marcus versucht am Anfang nur der alltäglichen Überwachung des Schulalltags zu entgehen, in dem er sich verschiedene Tricks ausdenkt, um die Kamerasysteme zu überlisten und die Schule während des Unterrichts zu verlassen. Als dann eines Tages jemand die U-Bahn und eine Brücke in San Francisco in die Luft sprengt, wird aus dem spontanen Schwänzen ein längerer Gefängnisaufenthalt. Und das, weil die Heimatschutzbehörde ihm, aufgrund der verschlüsselten Daten auf seinem Handy, „konspiratives“ Verhalten in der nähe des Tatorts vorwirft. Raus aus dem Gefängnis kann er sich mit dem Erlebten nicht abfinden. So tüftelt er neue Hilfsmittel aus, um die infolge der Anschläge immer stärker werdende Überwachung zu überlisten – oder sie andersherum ins Absurde zu führen. Über ein Intranet baut er gleichzeitig eine Bewegung vieler Schüler auf, die wie er genug von diesem Bigbrotherstaat haben und etwas gegen ihn unternehmen wollen.
Schön ist, dass der Autor während des Buches verschiedene technische und mathematische Probleme leicht und verständlich erklärt. Allerdings wirkt das Buch dadurch leider stellenweise wie eine bloße Abhandlung aller aktuellen Datenschutzthemen. Ansatzweise handelt es auch von den vielen Protestbewegungen die in San Francisco ihren Anfang nahmen.
Schade ist, dass das Buch trotz der vielen angerissenen Themen und Gebiete sehr oberflächlich bleibt. Es ist daher eine leichte Kost für zwischendurch.
Mich hat jedoch am meisten das Ende geärgert, in dem eine Rückkehr zur „alten Ordnung“ als Lösung gefeiert wird. Wobei „alte Ordnung“ im Sinne von „normaler Rechtsstaatlichkeit“ vor Patriot Act und BKA Gesetz verwendet wird.

Trotzdem kann ich es jedem Empfehlen, der ein paar Stunden übrig hat, sein Wissen über elektronischen Widerstand und neue Protestformen zu erweitern. Im Angesicht des zunehmenden Einsatzes von Kameras, RFiD Chips und Polizeitrojanern ist Wissen über das Funktionieren und die Schwachstellen dieser Technik überlebenswichtig für jeden frei lebenden Menschen.
Zu allem Überfluss ist das Buch noch unter CC Lizenz erschienen. Das hat Christian Wöhrle genutzt und es ehrenamtlich ins deutsche Übersetzt. Jeder kann es dadurch unter http://cwoehrl.de/?q=node/425 downloaden und ausdrucken oder gleich am Bildschirm durch schmökern.
Zum Schluss muss gesagt werden, dass wir nicht die „gute alte Welt“ brauchen, sondern die jetzige progressiv verbessern müssen, um in einer Gesellschaft ohne Überwachung, Unterdrückung und Gewaltherrschaft zu leben.

In Deutsch als pdf: http://cwoehrl.de/?q=node/425

Englisches Original:
Cory Doctorow: „Little Brother“ (Tor Books 2008, 384 S., ca. 11 Euro)