Archiv der Kategorie 'Tellerrand'


INTERSQUAT – Festival in Berlin

von intersquatberlin.blogsport.de

Liebe Leute!
Bevor ihr unser Konzept lest, noch ein kleiner Hinweis:

Den Rahmen eines Festivals zu stellen ist keinesfalls eine leichte Aufgabe. Es ist jedoch eine, die wir gerne übernehmen.

Neben der Schaffung des Rahmens, diesen auch noch mit Inhalt zu füllen, ist für uns als Orga-Gruppe jedoch weder zu schaffen, noch mit unseren Prinzipien zu vereinbaren, schließlich ist Intersquat kein Konsumspektakel sondern ein D.I.Y.-Festival und lebt von eurer und unser aller Initiative!

Und so wie jeder Bilderrahmen ohne Bild nicht viel an Inhalt hergibt, könnte auch das Festival ohne eure Beteiligung sehr schnell ziemlich leer aussehen.
Deswegen ist es extrem wichtig, dass ihr, wenn ihr es euch vorstellen könnt, Workshops, Diskussionsrunden, Infoveranstaltungen, Aktionen und was euch noch so alles einfällt, organisiert.

Teilt uns eure Pläne und Ideen bis zum 13. August unter intersquat-berlin@riseup.net mit, damit wir das Festivalprogramm koordinieren können. Denn auch wenn wir eine Festivaldauer vom 10. bis zum 19. September diesen Jahres anstreben, hängt das Erreichen dieses Ziels von euch ab. Gibt es zu wenig Initiative eurerseits, wird das Festival statt neun Tagen vielleicht nur sieben, oder weniger Tage dauern.
Die genaue Festivaldauer werden wir euch am 15. August auf unserem Blog mitteilen.

Wir freuen uns auf unsere Zusammenarbeit!
Viel Vergnügen beim Lesen des Konzepts, wir sehen uns im September in Berlin!

INTERSQUAT – Festival Berlin
Lasst uns zusammen vom 10. – 19. September 2010 auf dem Berliner INTERSQUAT-Festival einen selbstbestimmten Freiraum und eine Plattform für die Auseinandersetzung mit verschiedenen Vorstellungen schaffen, Begegnungen initiieren, uns vernetzen und gemeinsam Perspektiven entwickeln.

Inspiriert durch bereits stattgefundene INTERSQUAT-Festivals an verschiedensten Orten der Welt wollen wir mit euch zusammen dieses Jahr in Berlin unseren Utopien einen Raum geben.

Die Möglichkeiten ein selbstbestimmtes Leben zu führen,werden kontinuierlich eingeschränkt, viele vorhandene Freiraumstrukturen sind akut bedroht. Dadurch verschwinden Räume und auch damit verbundene Möglichkeiten, selbstbestimmt Alternativen zu bestehenden Verhältnissen erfahrbar zu machen und zu leben, sich zu organisieren, zu diskutieren und auszutauschen.

Aus unserer Sicht ist eine umfassende Kritik an Kapitalismus, Herrschaft und damit einhergehenden Strukturen notwendig.

Wir wünschen uns eine Diskussion um Alternativen, sowie eine offene Auseinandersetzung und einen Austausch über Gegenpraktiken zur Diskriminierung von Lebewesen. Freiräume sind für uns Orte, an denen sich alle Lebewesen frei von Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität, Geld oder anderen von der Gesellschaft konstruierten Ungleichheiten bewegen können. Weil Formen der Unterdrückung in unserer Gesellschaft alltäglich vorkommen, ist es wichtig, Räume zu schaffen und zu erhalten, in denen diese nicht akzeptiert, sondern diskutiert und reflektiert werden. Sie sollten das Ausleben der eigenen Identität und die freie Entfaltung von Lebensentwürfen ermöglichen. Wir versuchen eine Loslösung davon zu praktizieren, Bewusstsein zu schaffen und zu sensibilisieren.

Die sogenannte Gentrifi zierung wird uns früher oder später alle einholen, wenn wir uns ihr nicht entgegenstellen.

Die „Aufwertung“ von Städten zwingt nicht nur alternative Lebensräume weltweit dazu rentablen Objekten zu weichen: Wo neue Häuser gebaut werden und alte Gebäude im Glanz profi tabler Totalsanierungen erstrahlen, kommt es unausweichlich zu einer Steigerung der Mietpreise. Dadurch erfolgt eine Verdrängung von Geringverdienenden und strukturell diskriminierten Gesellschaftsmitgliedern in Randgebiete.

Bewegungen, die sich diesen gesellschaftlichen Missständen entgegensetzen werden oftmals kriminalisiert. Durch repressive Maßnahmen wird ihr Aktionspotential gedämpft. Um auf diese Maßnahmen besser reagieren zu können und die Freiraumbewegung stärker und handlungsfähiger zu machen, ist auf dem Festival ein Raum vorhanden, um uns untereinander
besser zu vernetzen und uns verstärkt miteinander zu solidarisieren.

Innerhalb eines vielfältigen und kraftvollen kreativen Festival-Rahmens wird es viel Platz geben für selbstorganisierte Aktionen, Diskussionsrunden, Workshops, Informationsveranstaltungen, Ausstellungen, Musik und Kunst als Protest- oder Widerstandsform bzw. spontan entstehende Ideen.
Außerdem wird es auf dem Festival einen Umsonstfl ohmarkt geben, der die kapitalistische Logik von Wert und Gegenwert durchbrechen soll.

Anstöße für gemeinsame Diskussionen und das Suchen nach Lösungsansätzen könnten sein:
Wie äußert sich Gentrifi zierung in den verschiedenen Städten?
Wie steht es um Squats weltweit?
Wie können wir uns untereinander besser vernetzen?
Wie können wir mit unseren Protest- und Aktionsformen auf größere Solidarität stoßen?

Da die Freiraumthematik sehr komplex ist und unter sich eine große Bandbreite anderer Themen, wie (um nur einige Beispiele zu nennen) Kapitalismuskritik, die Ablehnung von Herrschaft und Anti-Sexismus beinhaltet, steht es außer Frage, dass das Festival auch einen offenen Raum für diese bietet..

Sexismus, Rassismus, sowie alle anderen Formen von Diskriminierung und die Verklärung hierarchischer Strukturen werden auf dem Festival selbstverständlich weder toleriert noch akzeptiert!!!

Lasst uns unsere Vorstellungen und Utopien vom freien wilden Leben teilen!
Das Festival wächst durch eure Beteiligung. Ihr wollt eine Infoveranstaltung oder einen Workshop gestalten, eine Diskussionsrunde initiieren, eure Musik oder Kunst zeigen, oder habt noch andere Ideen und Themenvorschläge für das Festival?
Meldet euch unter: intersquat-berlin@riseup.net

Bringt eure Zelte, eure Ideen und eure ungebremste kämpferische Leidenschaft mit!
Frei denken? Frei leben? Frei(T)räume für alle!

intersquatberlin.blogsport.de

V.i.S.d.P.: B. Setzt, Straße der Freiheit 13, 15738 Zeuthen

INTERSQUAT - Festival Berlin

Georgien

von hapü

Georgien, das kleine Land im Südkaukasus kennen die meisten wohl nur, weil im August 2008, während der Olympischen Sommerspiele in Peking, ein Krieg zwischen Georgien und Russland ausbrach oder aufgrund des Ausfluges der P.A.R.T.E.I. zur Georgian Labour Party. Nach dem Krieg verschwand Georgien wieder aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit und der P.A.R.T.E.I.-Ausflug war ein großartiger Witz, aber auch nicht mehr. Ich habe hier jetzt einige Zeit verbracht und will mal eine kurzen Eindruck aus dieser Ecke der Welt vermitteln.

Georgische Geschichte im Schnelldurchlauf

Wie in vielen Ländern, die erst vor kurzem ihre staatliche Unabhängigkeit gewonnen haben und die sich auf keine Geschichte der Eigenstaatlichkeit in der Neuzeit berufen können, spielt die Geschichte eine große Rolle in Politik, Kultur und Alltag. Man kann hier in Echtzeit miterleben, wie sich der georgische Nationalismus die Geschichte des Landes zurechtbastelt, ein Unterfangen, welches für Leute aus Ländern, in denen dieser Prozess 200 Jahre zurückliegt, durchaus komisch anmutet.

Um das Verständnis der Gegenwart zu erleichtern, hier ein paar Eckpunkte der Realgeschichte.

Die frühe Geschichte des Südkaukasus ist durch seine Lage zwischen Russländischem, Osmanischem und Persischen Reich gekennzeichnet. Die Invasionen dieser Mächte verhinderten nach der Zerstörung des mittelalterlichen georgischen Reiches das Entstehen stabiler Staaten, und hinterließen stattdessen einen Flickenteppich feudaler Fürstentümer, die sie sich dann später teilweise auch einverleibten.

Die moderne Geschichte Georgiens beginnt schließlich mit der Annexion durch das Russländische Zarenreich um die Mitte 19. Jahrhunderts. Nach der Oktoberrevolution 1917 war Georgien für kurze Zeit unabhängig, in dieser Zeit wurde es von georgischen Menschewiki (Sozialdemokraten) regiert. Das unabhängige Georgien wurde politisch, wirtschaftlich und militärisch von Deutschland unterstützt, insbesondere die zu dieser Zeit in der Weimarer Republik regierenden deutschen Sozialdemokraten sahen in Georgien das Gegenbeispiel zur Entwicklung in Russland unter Herrschaft der Bolschewiki (Kommunisten). Im Februar 1921 marschierte unter Führung georgischer Kommunisten die 11. Armee der Roten Armee in Georgien ein, Georgien wurde Bestandteil der Sowjetunion.

Während des 2. Weltkrieges kämpften mehrere zehntausend Georgier auf Seiten der Deutschen. Diese Georgier rekrutierten sich aus zwei großen Gruppen: einmal aus Georgiern, die nach der Eingliederung Georgiens in die Sowjetunion nach Westeuropa ins Exil gegangen waren, zum anderen aus georgischen Soldaten der Roten Armee, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren und dann für die georgischen Einheiten der Wehrmacht rekrutiert wurden. Ein Teil dieser georgischen Soldaten erhob sich, als er zu einem letzten Einsatz gegen die Alliierten ausrücken sollte, am 4. Mai 1945 auf der niederländischen Nordseeinsel Texel gegen die deutsche Besatzungsmacht. Die Kämpfe zwischen Georgiern und Deutschen auf Texel dauerten über den 8. Mai 1945 an und konnten erst am 20. Mai durch die Landung kanadischer Truppen auf Texel beendet werden.

Mehr als 700.000 Georgier kämpften jedoch in der Roten Armee. Georgische Bergsteiger-Soldaten waren es, die die Hakenkreuzfahne vom Elbrus, dem höchsten Berg des Kaukasus, die deutsche Gebirgsjäger dort gehisst hatten entfernten. Georgien selbst wurde nicht von den Deutschen besetzt. Zwar stießen die Deutschen bis an die Nordgrenze der georgischen SSR vor, mussten sich jedoch zurückziehen.

Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte Georgien insbesondere in den 60er, 70er und der ersten Hälfte der 80er Jahre eine wirtschaftliche Blüte. Zum einen war Georgien während des 2. Weltkrieges und danach industrialisiert worden. Die Suchoi-Flugzeugwerke in Tbilissi, die Lkw-Fabrik in Kutaisi (KAS), ein großes Stahlwerk in Rustawi (dem georgischen Eisenhüttenstadt) bildeten den Kern der sowjetgeorgischen Industrie. Wichtiger war aber, dass Georgien die Sowjetunion mit Tee, Südfrüchten und Wein belieferte. Am Schwarzen Meer und im Hohen Kaukasus befanden sich wichtige Tourismusorte. Von 1965 bis 1985 war Eduard Schewardnadze – der ab 1985 letzte Außenminister der SU – der starke Mann in Georgien, erst als Innenminister, dann als Erster Sekretär der georgischen KP. Während politische Opposition scharf verfolgt wurde, gab es in dieser Zeit im Vergleich mit dem Rest der Sowjetunion recht große kulturelle Freiheit. Davon zeugt die georgische Kinoproduktion dieser Zeit, die auch heute noch beeindruckende Filme wie „Der Baum der Wünsche“ hervorbrachte. 1980 konnte in Tbilissi das erste offizielle Rockfestival der UdSSR stattfinden. Allerdings begann seit den 70er Jahren auch der georgische Nationalismus aufzuleben.

1991 wurde Georgien ein unabhängiger Staat. Die ersten Jahre des neuen Staates waren geprägt von verschiedenen Bürgerkriegen, die u.a. zur Abspaltung Abchasien und Südossetiens von Georgien führten. Schließlich wurde von den Bürgerkriegsparteien Schewardnaze als Präsident eingesetzt, ihm gelang es das Land durch geschickte Machpolitik zu befrieden. Insbesondere gelang es ihm eine Balance zwischen den verschiedenen Klans und Interessengruppen herzustellen, was aber dazu führte, dass Georgien eines der korruptesten Länder der Welt war.

2003 wurde Schewardnaze in der „Rosenrevolution“ gestürzt, seitdem regiert Präsident Saakaschwili und dessen Partei „United National Movement“ das Land.

Die Nachbarländer

Außer an Russland grenzt Georgien an die Türkei, Armenien und Aserbaidschan. Mit der Türkei bestehen enge wirtschaftliche Beziehungen, türkische Firmen sind insbesondere im Bausektor aktiv und in der Grenzregion Adjara. Viele Georgier arbeiten in der Türkei.

Die heutige Republik Armenien ist der östlichste, abgelegenste und ärmste Zipfel des einstigen armenischen Siedlungsgebietes, der nach 1. Weltkrieg, Genozid, türkisch-armenischen Krieg etc. zur unabhängigen Republik Armenien wurde, dann der SU angegliedert wurde (sonst gäb´ es auch diesen letzten Rest wohl nicht mehr), ein paar ganz erträgliche Jahre als Hightech-Standort und Cognaklieferant erlebte, dann sich einen verheerenden und (re-)traumatisierenden Krieg um die Enklave Nagorny Karabach (aka Bergkarabach) mit (dem durch die Türkei unterstützten) Aserbaidschan lieferte, den es Dank russischer Waffenlieferungen halbwegs siegreich überstand.

Aserbaidschan ist aufgrund seiner Erdölvorkommen das reichste der drei südkaukasischen Länder und als einziges auch politologisch klar einzuschätzen, es handelt sich nämlich um eine klassische Ölrentendikatur. Die Ölrente fließt in die Taschen der Familie des Diktators Haijdar Alijew.

Vielvölkerstaat Georgien

Neben der Titularnation leben in Georgien diverse andere Völkerschaften. Wichtige Minderheiten sind Armenier, Aseris, Osseten, Russen, Swanen, Mingrelier. Die meisten Griechen, Juden und Deutschen, die einst bedeutende nationale Minderheiten bildeten, haben in den 90er Jahren das Land verlassen. Dass die (Selbst-)Definition einer Gruppe von Menschen als Volk dabei eine politische Angelegenheit ist und sich nicht quasinatürlich aus vermeintlich objektiven Merkmalen (wie Sprache und Kultur) ableitet, ist dabei augenscheinlich. So bezeichnen sich z.B. die Mingrelier, die eine eigene Sprache sprechen, als Georgier und verwenden die Bezeichnung Mingrelier mehr im Sinne einer regionalen als einer nationalen Selbstbezeichnung.

Erschreckend ist zum Teil der Hass auf die Armenier, der hier strukturell die Rolle des traditionellen Antisemitismus in Europa zu spielen scheint. So kann ich in universitären-gutbürgerlichen Kreisen durchaus damit schocken, dass ich letztes Jahr drei Monate in Woronzow (einem Altstadtviertel auf der „anderen“ Flussseite, in dem viele ArmenierInnen wohnen) gelebt habe, und dass es mir da sehr gut gefallen hat.

Das Regime

Schwierig ist es, dass in Georgien herrschende politische System zu erklären, fügt es sich doch nicht unbedingt in mitteleuropäische Vorstellungen von Demokratie und Nichtdemokratie ein. Es handelt sich eher um ein autoritärcharismatisches Modernisierungsregime mit demokratischen Elementen, das zwar Teile der Opposition unterdrückt, sich aber dennoch auf eine Mehrheit in der Bevölkerung stützen kann. Es ähnelt damit witzigerweise stark der Herrschaft Putins in Russland.

Ein Weg, diese Herrschaftsform zu erklären führt über die Rosenrevolution. Diese Ablösung des Regimes Schewardnadzes durch Michail Saakaschwili (genannt „Mischa“) und das United National Movement war nicht davon motiviert, „Demokratie“ herzustellen, denn formale Demokratie, d.h. z.B. Meinungsfreiheit gab es unter Schewardnadze. Das Ziel der Rosenrevolution war die Wiederherstellung des staatlichen Gewaltmonopols, die Ausschaltung der diversen nichtsstaatlichen Machtzentren im Land und die Beendigung der allgegenwärtigen Korruption.

Einer der größten Verdienste Saakaschwilis, der ihm auch von seinen ärgsten Feinden hoch angerechnet wird, war die Polizeireform. Kurz nach der Rosenrevolution wurde die gesamte Straßenpolizei entlassen. Diese war berüchtigt dafür, ständig Autofahrer anzuhalten und zu kleinen Geldzahlungen zu erpressen. Nach einem Monat ohne Polizei auf der Straße wurde eine neue Polizei, in neuen Uniformen und mit neuem Namen eingeführt, die dies nicht mehr macht. Gleichzeitig wurde dafür gesorgt, dass Strom und Gas nicht mehr so häufig ausfallen. Außerdem wurde die Straßenkriminalität massiv bekämpft. Konnte man sich vor ein paar Jahren in einigen Teilen Georgiens nicht bewegen, ohne das Risiko ausgeraubt oder entführt zu werden einzugehen, besteht diese Gefahr heute faktisch nicht mehr.

Der Preis dieser Politik sind volle Knäste: heute sind mehr als 20.000 Menschen (bei einer Bevölkerung um vier Millionen) eingesperrt, vor der Rosenrevolution waren es 6.000.

Die Opposition ist ein wahnsinnig trister Haufen. Extrem zersplittert und in der Regel ohne ein alternatives politisches oder gesellschaftliches Projekt. Den meisten Oppositionspolitikern geht es darum „Mischa anstelle von Mischa“ zu werden. Aus diesem Grund gelingt es „Mischa“ auch ohne umfassende Wahlfälschungen, die Mehrheit zu halten.

Georgien und Deutschland

Neben den USA ist Deutschland hier der große internationale Player. Dies ist historisch zum einen begründet durch die Rolle der deutschen Minderheit in Georgien, die Unterstützung der ersten georgischen Republik durch die Weimarer Sozialdemokratie, die Zusammenarbeit des antikommunistischen georgischen Exils mit den Nazis und die enge Verbindung zwischen der zweiten georgischen Republik und Deutschland unter Schewardnadze. Zum anderen geostrategisch: Georgien, strategisch günstig gelegen am Schwarzen Meer im Dreiländereck Iran, Türkei Russland, mit einer traditionell deutschfreundlichen Bevölkerung ist der place to be für alle Staaten, die in diesem Teil der Welt eine Rolle spielen wollen, bzw. denen es um die Absicherung der Transportrouten für Rohstoffe aus Zentralasien und von Transportwegen für Exportgüter dorthin geht. Die strategische Bedeutung für Deutschland sieht man auch daran, dass das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam (MGFA) in seiner Reihe „einsatzunterstützender Wegweiser“ anlässlich der Stationierung einiger Bundeswehrsoldaten in einer UN-Mission in Georgien vor ein paar Jahren einen (im übrigen lesenswerten) Wegweiser zur Geschichte, Politik, Wirtschaft etc. des Kaukasus veröffentlicht hat, in dem auch die deutschen Kriegsziele im Kaukasus im zweiten Weltkrieg untersucht werden. Kostenlos downloadbar unter http://www.mgfa-potsdam.de/html/einsatzunterstuetzung/downloads/wwkaukasusinternetgesamt310.pdf

Economy class

Während der Sowjetunion war Georgien eine der reichsten, wenn nicht die reichste Sowjetrepublik (soviel zu der bekloppten These, es hätte sich um eine koloniale Unterdrückung durch die Russen gehandelt). Der Reichtum Georgiens basierte v.a, auf der Belieferung der nördlichen Teile der SU mit landwirtschaftlichen Produkten: Tee, Wein und Südfrüchte.

Tee und Südfrüchte sind heute nicht mehr konkurrenzfähig, Türkei, Sri Lanka und Indien liefern billiger und besser. Aber Haselnüsse, das geht noch. Haselnüsse machen heute als wichtigstes Exportgut 25 % der Agrarexporte Georgiens aus. Die drei wichtigsten Exportländer sind, in dieser Reihenfolge: Irak, Aserbaidschan und Deutschland. Ansonsten exportiert Georgien die zu Sowjetzeiten errichteten Industrieanlagen als Schrott nach Asien, nutzt die Notlage Armenien, das nur über Georgien Zugang zum russischen und europäischen Markt hat, durch hohe Transitgebühren aus und lebt ansonsten von der „strategischen Rente“. D.h. Georgien lässt sich seine Kooperation mit den an Georgien strategisch interessierten Ländern, v.a. USA und Deutschland, reichlich in Form sogenannter „Entwicklungszusammenarbeit“ bezahlen.

Écrasez l‘infâme

Von politischer Brisanz sind hier gerade eher Entwicklungen um die – sehr mächtige – georgisch-orthodoxe Kirche. Ein Student der Ilia-Chavchavadze-Uni (die zweite große staatliche Universität in Tbilissi) hat ein Buch names „Saidumlo Siroba“ veröffentlicht, und allein der Titel scheint schon Anlass für einen Skandal zu sein. „Saidumlo Seroba“ ist das Heilige Abendmahl, „Saidumlo Siroba“ ein drastischer Ausdruck für heilige Scheiße.

Nach langem Rumfragen habe ich tatsächlich mal jemanden gefunden, der dieses Buch gelesen hat. Nach dessen Schilderung muss es sich um eine Art pornographisch-atheistischer Pamphletsammlung handeln.

Ein „People‘s Orthodox Movement“ und die „Union der orthodoxen Eltern“ machen seitdem Stress und randalieren rum. Bei der „Union der orthodoxen Eltern“ handelt es sich um eine militante Vereinigung, die mit Gewalt gegen alle Feinde der orthodoxen Tradition vorgeht und zum Beispiel auch mal Halloweenparties auseinanderprügelt. Nicht ganz falsch werden sie hier als Faschisten tituliert. Ziel der Proteste ist hauptsächlich das Liberty Institut, ein Soros naher Thinktank der auch die Ilia-Uni unterstützt und die Regierung berät. Die Orthodoxen nennen sie Liberasts (Liberale+Päderasten, Päderast ist hier das gängige Schimpfwort für Homosexuelle) und unterstellen ihnen, Freimaurer zu sein, die mittels Einführung der Homosexualität in Georgien die georgische Nation zerstören zu wollen. Das Patriarchat distanziert sich zwar halbherzig von ihnen, nutzt aber den Aufruhr, der von den „Eltern“ ausgeht, um das Verbot „moralischer Gewalt“ zu fordern. Es scheint sich um die orthodoxe Kirche eine Oppositionsbewegung gegen die Modernisierungspolitik der Regierung zu bilden, die stattdessen zurück in ein imaginiertes traditionelles orthodoxes Georgien will. Leider hat diese Oppositionsbewegung eine Idee und ein Projekt und damit bessere Chancen politisch wirkungsmächtig zu werden, als der Rest der Oppositionsparteien.

hapü

Und in der Wildcat?

von Potsdamned!//Wildcat

Durch persönliche Bekanntschaft und politisches Interesse fanden Potsdamned! und Wildcat zusammen zu einem wechselseitigem Interview. Nicht lange geschwafelt – Ratzebutz – los gehts:

Was war eure Ursprungsidee? Was war die Motivation eine Zeitung zu machen und wie sollte die aussehen? Hat sich da was geändert, in der Zwischenzeit? Habt ihr Konzepte verworfen? Wenn ja, warum?

Weia! »Ursprungsidee«… Die Wildcat ging hervor aus der Karlsruher Stadtzeitung. Diese war im Deutschen Herbst 1977 als »Alternativzeitung« entstanden: aus der Bewegung für die Bewegung. »Gegenöffentlichkeit« war die letzte Haltelinie der Sponti- und Alternativbewegung in der repressiven Entwicklung der 70er Jahre. In ganz kurzer Zeit kommerzialisierten sich die allermeisten dieser Stadtzeitungen. Auf dem bundesweiten Treffen im April 1979 waren wir nur noch vier, die keine kommerzielle Werbung reinnehmen wollten. Außerdem setzte sich damals die »taz« gegen unser aller Protest als so ne Art nationales Zentralorgan von oben ein…

Ungefähr auch ab dieser Zeit wurde das Thema »Arbeiten« immer mehr zum Schwerpunkt der Karlsruher Stadtzeitung. Dann gründeten sich auch in anderen Städten »Jobbergruppen« und mehr und mehr Exemplare wurden bundesweit und v.a. in Westberlin verteilt, deshalb haben wir schließlich den Namen in »Wildcat« (1) geändert. Dahinter steckte folgende Entwicklung: Anfang der 80er Jahre war im Westen die Phase der offenen Fabrikarbeiterkämpfe vorbei, aber für uns, wie für viele andere jungen Leute, war es unvorstellbar, sich in der Lohnarbeit einzurichten und bis zur Rente an einem Arbeitsplatz zu schuften. Wir selber lehnten es außerdem ab, über eine berufliche Karriere individuell einen besseren Tribünenplatz in der kapitalistischen Hierarchie zu erreichen. Deshalb haben wir damals alle »gejobbt«: für kurze Zeit irgendeine Arbeit machen, um dann wieder Zeit für sich selber, für den politischen Kampf und das Vergnügen zu haben. Formal betrachtet »jobbten« wir unter Bedingungen, die später dann als »prekär« bezeichnet worden sind.

Zur Motivation: Das war immer umstritten, Zeitung machen fanden die meisten Aktiven nicht cool, »lieber Praxis!« Wir hatten in den 80er Jahren zwei parallele Strukturen: die großen Treffen hießen Jobbertreffen, die kleinen Treffen hießen Wildcat-Treffen (Mitte der 80er Jahre war Wildcat zu einem kleinen bundesweiten Zusammenhang geworden, was sie bis heute ist).

Wir haben in Fabriken, auf Baustellen, in Büros, Callcentern, bei Leiharbeitsfirmen usw. malocht und versucht, dort aktiv zu werden, uns zu organisieren. Aber bald war uns klar, dass die »Jobber« eine äußerst heterogene und marginale Gruppe innerhalb der Arbeiterklasse blieben. Während einige der Jobbergruppen daraus den Schluss zogen, sich zu institutionalisieren und zu Beratungsstellen für sozialstaatliche Leistungen zu werden (was dann als »Arbeitslosenbewegung« bezeichnet wurde), schlug die Wildcat eine umfassende Diskussion über die Arbeiterklasse als Ganze vor (wir benutzen den Begriff »Arbeiterklasse« nicht definitorisch, also nicht so: »der gehört dazu, der nicht«; deshalb auch »Arbeiterklasse« und nicht »Arbeiter_innenklasse«, weil es nicht Subjekte »definiert«, sondern die Seite eines antagonistischen Verhältnisses bezeichnet). Für unser theoretisches Verständnis wurde dabei vor allem der italienische »Operaismus« bedeutsam, insbesondere die frühen Untersuchungstexte aus dieser Strömung halfen uns dabei, die Mystifizierungen des Kapitals im unmittelbaren Produktionsprozess zu entschlüsseln. In Anlehnung an Untersuchungskonzepte des Operaismus schlugen wir der undogmatischen und nicht-leninistischen Linken eine breit angelegte »Militante Untersuchung« innerhalb der Arbeiterklasse vor. Der Vorschlag blieb aber, sagen wir mal, minderheitlich. (Deshalb fanden wir Eure Zeitung cool: Ihr macht das teilweise
einfach, ohne groß den Begriff »Untersuchung« zu benutzen; zwei Beispiele: der Artikel über politische events in Potsdam; der Artikel über Prostitution – beide in der Nummer 4.) Es wird immer seltener versucht die historischen Erfahrungen zu reflektieren und das Potenzial, was da wäre, zu aktivieren und zu nutzen. Gerade in Potsdam gäbe es da viel zu bergen! (der kurze Bericht im Kasten zeigt das ganz gut)

Nö, unsere Konzepte haben wir nicht verändert. Wir versuchen sie an die heutige Zeit anzupassen. Zum Beispiel ist es ja nicht mehr so einfach, einigermaßen gut bezahlte Jobs grad mal eben so zu kriegen. Oder noch viel schwerwiegender: Seit den HartzIV-Gesetzen sind LeiharbeiterInnen zu einer miserabel bezahlten Konkurrenz in den Betrieben herabgedrückt worden (eine LeiharbeiterInnen-Kampagne täte absolut not!). Wir haben es heute mit Spaltungen in der Arbeiterklasse zu tun, die vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen wären (zwei Millionen kaufen sich ein neues Auto – und HartzIV-EmpfängerInnen dürfen keine Abwrackprämie kriegen).

Was für Menschen wart ihr damals und hat sich daran etwas im Laufe der Zeit geändert? Seid ihr eine geschlossene Gruppe?

Es sind immer noch Leute dabei, die schon vor 30 Jahren dabei waren – und die sind nicht einmal die Ältesten! Wir sind eher so was wie ein »Zusammenhang« mit einer ganz kleinen Redaktion, die tapfer dafür zu sorgen versucht, dass die Wildcat einigermaßen regelmäßig alle drei Monate erscheint. (am 23. September ist die Nr. 85 erschienen, daraus könnt Ihr ersehen, dass das Regelmäßige nicht so ganz klappt…).

Wie sieht eure Arbeit konkret aus? Wie entscheidet ihr über Themen und Artikel?

Ich glaube, wir arbeiten heute sehr viel weniger »kollektiv« als vor 20 Jahren – wir arbeiten aber immer noch soo arg kollektiv, dass es viele Leute abschreckt, in der Redaktion mitzumachen (wir diskutieren manchmal über einen Artikel sechs Monate lang; es kommt auch vor, dass wir Artikel nach langen Diskussionen wieder verwerfen; Artikel der Redaktion erscheinen nie mit Namen – bieten also keine Chance, sich ein persönliches Label aufzubauen usw.).

Wie läuft eure Finanzierung? Könnt ihr euch (finanziell und arbeitsaufwandstechnisch) selbst tragen?

Uns war von Anfang an wichtig, dass wir keine Gelder von außen brauchen. Wir machen soweit wie möglich alles selber (diskutieren sowieso, schreiben und layouten auch, drucken, wir vertreiben die Hefte selber – Leute, die 20 Stück nehmen und sie in ihrem Freundinnenkreis und/ oder auf Veranstaltungen verticken, sind uns viel lieber als der anonyme Verkauf über Buchläden). Von daher geht es mit den Kosten auf.

Wie ist die Reaktion auf die Zeitung? Woran, außer an Verkaufszahlen, könnt ihr das ablesen? Gibt es inhaltliche Resonanz?
Ihr macht ja auch öffentliche Diskussionsveranstaltungen, war das schon immer so? Wie laufen die ab? Funktioniert das überhaupt?

Kommt auch wieder drauf an, womit man es vergleicht: In den 80er Jahren war eine Veranstaltung scheiße, auf der nicht mindestens 100 Leute waren, mit denen du dann bis mindestens nach Mitternacht diskutiert hast. Heute sitzen wir manchmal 20 jungen, schweigenden Leuten gegenüber und erzählen, was wir erlebt haben, stellen unsere Analysen vor, halten Referate… und dann kommen vielleicht ein paar Nachfragen, aber es findet keine Diskussion statt, die Leute gehen einzeln (früher gingste immer zusammen nach der Diskussion noch »zum Griechen«). Und wenn wir sie fragen, sagen die selben Leute dann, sie fanden die »Vorträge« »total spannend«…

Also »Veranstaltungen« sind für uns schon so n bisschen zum Ersatz dafür geworden, dass die Wildcat nicht mehr aus der Praxis von nem Dutzend, über die BRD verteilter Gruppen lebt, sondern viel auch Analyse ist: Wir wollen verstehen, was die Krise ist, wir wollen verstehen, was in China passiert usw.

Allerdings ist der »internationalistische Charakter« auch einer der starken Punkte an Wildcat. Dadurch, dass es uns so lange gibt, und dass wir immer mehr ein FreundInnenkreis als eine politische Organisation waren, haben wir praktisch auf der ganzen Welt GenossInnen, die dann die Artikel in der Wildcat über die USA, über China, über Lateinamerika usw. schreiben.

Wer liest die Wildcat? Wie gehen die Leute mit der Zeitung und ihren Inhalten um?

Wir hatten in den 90er Jahren die Wildcat als Zeitschrift eine zeitlang eingestellt, als wir das Gefühl hatten, nichts mehr zu sagen zu haben. Gegen den letzten Irak-Krieg haben wir eine Sondernummer gemacht, und als wir die ausverkauft hatten (wir hatten 2000 Stück gedruckt), haben wir es nochmal probiert. Seither sind 19 Hefte erschienen – und wir haben es bis jetzt nicht kapiert, wer heute unsere LeserInnen sind und wie sie die Wildcat lesen. Wir würden zwei Pole vermuten: Leute zwischen 20 und 30 einerseits, zwischen 50 und 60 andererseits (also die Fans aus den 80ern, die uns treu geblieben sind). Aber wir wissen es nicht wirklich. Eins ist aber sicher: die Auflagenhöhe aus den 80er Jahren können wir heute nicht erreichen.

LeserInnenbriefe kriegen wir weniger als Spenden oder Förder-Abos (wenn wir jetzt so fünf Zeilen: »super, das letzte Heft hat mir mal wieder das Leben gerettet! macht weiter so!«, mit den Leuten die ein Abo bestellen oder verlängern, nicht als LeserInnenbrief zählen).

Allgemein merken wir, dass die Leute viel weniger lesen, oder überhaupt mit Texten arbeiten. Es gibt weniger Gruppen die sich zusammen hinsetzen und gemeinsam was lesen. Wo es Lesekreise gibt, entstehen auch sofort Diskussionen, das passiert nur immer weniger.

Wie beeinflussen politische und sonstige Entwicklungen im Weltgeschehen eure Arbeit und die Zeitung?

Der Versuch, die Krise zu verstehen, hat dazu geführt, dass wir andere Sachen vernachlässigt haben (wir bräuchten ganz dringend eine neue grundlegende Analyse zum Krieg. Bundeswehr in Afghanistan usw.).

Manchmal kriegen wir zu Sachen, die uns eigentlich wichtig wären, gar nix hin – und manchmal schmeißen wir drängende und hochaktuelle Sachen in die Debatte, bekommen es aber nicht hin, Interesse dafür zu wecken. Nach einer Reihe von Artikeln, die sich kritisch mit der Musikindustrie auseinandersetzten, haben wir 2003 für die Wildcat eine CD zusammengebastelt mit Musik, die uns Leute umsonst zur Verfügung gestellt haben und Interviews mit den Musikern. Als wir die Wildcat im Black Fleck mit einem Konzert mit dreien dieser Bands vorgestellt haben, kamen nur ein Dutzend Leute – obwohl es außerdem ein Soli-Konzert für »Chefduzen« war. Angekommen ist, dass wir halt irgendwelche Bands auf die Bühne stellen, die man mögen kann oder nicht. Zu vermitteln, dass wir damals ein Haufen Interviews mit MusikerInnen führten, um u.a. rauszuschälen welchen Unterschied es macht, ob man kollektiv eine Band macht, oder für die Musikindustrie produziert, ist uns nicht gelungen. Obwohl es gerade in Potsdam immer schon mehr Musikerinnen als Hunde gab und DIY (nicht nur in künstlerischer Hinsicht) der Hintergrund war, vor dem fast alles gelaufen ist, was Potsdam spannend machte, hatte sich damals niemand so recht dafür interessiert.

Seht ihr euch als teil sozialer Bewegungen? Und wenn ja, welcher? Seid ihr in irgendwelche Netzwerke eingebunden? Und wenn ja, in welche?

Schwierig zu beantworten, weil wir die Begriffe ganz anders benutzen. Wir denken schon, dass die Wildcat in den 80er Jahren Teil einer sozialen Bewegung war. Aber wie soll heute diese Frage beantwortet werden, wo es gar keine soziale Bewegung mehr gibt?! »Netzwerke« ist ein Begriff aus der Managementtheorie, den wir ratzebutz ablehnen. (siehe z.B. auch unsere Kritik an dem 3:1-Papier, www.wildcat-www.de/wildcat/57/w57_3zu1.htm, die in der Potsdamned ausgiebig benutzt wurde! – oder siehe aktuell das Interview mit den ehemaligen Leuten von den Revolutionären Zellen in der Wildcat 84)

Wie ist eure Verankerung in Potsdam und der Region? Habt ihr generell eine lokale Schwerpunktsetzung?

»Verankerung« ist ein Begriff aus der Mottenkiste der seligen 70er Jahre KGruppen. Ebenfalls ratzebutze Ablehnung, denn es setzt einen Begriff von »Arbeiterklasse« voraus, die als was Festes betrachtet wird, wo wir dann angesegelt kommen und Anker werfen. Wir gehen im Gegensatz davon aus, dass die Klasse aus vielen Teilen zusammengesetzt ist, dass diese »Zusammensetzung« sich ständig ändert – und durch Kämpfe auch qualitative Sprünge macht – und v.a. dass wir Teil dieser Zusammensetzung sind. Deshalb haben wir auch eine andere Auffassung über Organisierung, über Namen und Sichtbarkeit von Organisationen. Der erste Artikel in der letzten Potsdamned betont, wie wichtig es für die Spartukusdemos und die Besetzung der Datscha war, dass »altes Hausbesetzer Knowhow und jugendlicher Partytraum eine fruchtbare Verbindung« eingingen. Das ist vielleicht ein Beispiel für eine Neu-Zusammensetzung; und bei dem im selben Artikel angesprochenen T.A.G.-Kongress waren wir intensiv dabei – aber uns war nicht wichtig, dass dabei der Name Wildcat auftaucht. Namen sind Schall und Rauch, aber die Erfahrungen, die Leute bei solchen Erfahrungen machen, sind wichtig.

Die aktuelle Lage in Potsdam schätzen wir allerdings weniger optimistisch ein als der Autor des erwähnten Artikels. Bei Themen wie Mieten, Gentrifizierung, Verdrängung haben wir selten das Gefühl, dass das die eigenen Probleme sind. Es bleibt abstrakt und auf eine Szene zurechtgestutzt, auf die sich andere eben nicht beziehen können. Das hat viel damit zu tun, dass Potsdam von einem Szenemythos zusammengehalten wird, der leider keine gemeinsame politische Auseinandersetzung braucht – dafür aber viel Ausdauer erwartet, sich von Tresen zu Tresen zu hangeln, um dabei sein zu dürfen.

Im bundesweiten Zusammenhang der Wildcat beackern wir Themen, die wir in Potsdam nicht diskutiert bekommen. Ein paar Vermittlungsversuche – Buchladen, Wohnkollektiv … – sind erstmal gescheitert. »Arbeiten gehen«, »Wildcat machen« und »Szene sein« kriegen wir zur Zeit nicht unter einen Hut. Wir haben den Eindruck, dass viele den Spagat von Arbeit, Politik und Szene nicht (mehr lange) hinbekommen. Aber auch keine richtige Idee haben, wie sie das thematisieren sollen. Dabei sind das genau die Themen, mit denen sich hierzulande alle rumquälen. Vielleicht sollten wir darüber auch mal wieder gemeinsam und öffentlich reden! Vielleicht ist dieses auch ein Anfang…?

Denn reden kann man in Potsdam wenigstens wieder. Bei einer Veranstaltung mit den beiden von der RZ, die wir in der letzten Wildcat interviewt hatten, waren 80 Leute, quer über die Fraktionen und Generationen. Die Diskussion war schwierig (es ging um Erfahrungen in den 70er und 80er Jahren und einige Anwesende waren unter 20), aber sehr aufgeschlossen und interessiert. Ein ganz anderer Beat als zu den Zeiten, wo sich in dieser Stadt vor lauter antideutschen Verklemmungen kaum jemand mehr traute, öffentlich einen unzensierten, oder gar radikalen Gedanken auszusprechen.

Was sind eure Perspektiven? Was wünscht ihr euch für eure Zeitung?

Die Weltrevolution.
Dass wir in Potsdam fünf AbonnentInnen dazu gewinnen. (2)

Apropos »Perspektiven«: vor anderthalb Jahren haben wir anlässlich der »Perspektiventage« mal ein Flugi gemacht; das könnte vielleicht heute noch die eine oder den anderen interessieren: www.wildcat-www.de/the_revolution_will_not_be_spectralized.htm

Ansonsten müssten Interessierte leider genau 13 Jahre zurückgehen, damals haben wir einen< »Offenen Brief« an John Holloway geschrieben – in dem haben wir auch ein bisschen was drüber erzählt, wo wir herkommen und so. Okay, uns ist klar, dass wir auch mal wieder aktuell was schreiben müssen – aber vielleicht könntet Ihr Euren LeserInnen, die mehr über uns wissen wollen, derweil doch empfehlen, erstmal den zu lesen: (September 1997: Offener Brief an John Holloway:) www.wildcat-www.de/zirkular/39/z39zuho.htm

Potsdamned!//Wildcat

(1) »Wildcat« steht im Englischen u.a. für »wilde Streiks«, d.h. Kämpfe außerhalb institutioneller Interessenvertretung.

(2) Abobedingungen: 6 Ausgaben incl. Versand 18 Euro / WeiterverkäuferInnen: 8 Exemplare incl. Versand 16 Euro


… nach der Räumung des Archivs in der Leipzigerstraße trafen sich weit über 100 Leute, die überlegen wollten, was zu tun sei. Es waren Gestalten der Stadt. Alle samt unterschiedlichst sozialisiert. Mit verschiedensten Geschichten, Erfahrungen, Ansichten, alltägliche Problemen. Sie trafen sich dort, weil sie ein paar Monate oder ein paar Jahre zusammen ein gesellschaftliches Sein erlebt hatten oder weil es einfach angesagt war, sich in dieser Subkultur zu bewegen. Alle waren sich bewusst, dass sie etwas tun würden. Die Frage stellte sich nur nach dem, was denn zu tun sei. Ratlos wurden die vergangenen Ereignisse angesprochen. Zusammenhanglos und ohne Perspektiven.

Einige waren ungeduldig. Schlugen Ideen vor. Die waren spontan – wie immer – und unüberlegt. Unbewusst, trieb jemanden das Verlangen sich an die Spitze dieser herrenlosen großen Gruppe zu setzen. Plötzlich war die Rede vom »antikapitalistischen Kongress«. „Wie stellst du dir das vor?“, fragte jemand aus dem Raum. Er erwiderte: „Es wird Zeit sich mit den Dingen zu beschäftigen, die die Ursache für das sind, was wir erleben. Armut, Polizeigewalt, Arbeitslosigkeit. All das hängt zusammen. Wir sind nicht allein. Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir das mit allen anderen Menschen tun und nicht isoliert in unserer Szene.“

Er wurde unterstützt von einem wenige Jahre älteren ehemaligen Hausbesetzer. Der saß mit zwei merkwürdigen alten Gestalten im Raum und weiteren ehemaligen stadtbekannten Hausbesetzern. Die beiden müssen um die 40er Jahre rum alt gewesen sein.

Das war der Anfang einer der intensivsten, spannensten und lehrreichsten Jahre seines Lebens. Der antikapitalistische Kongress T.A.G. fand ein Jahr später im Waschhaus statt. Niemand weiß, was er bei den Beteiligten hinterlassen hat. Niemand hat etwas zusammengefasst und ausgewertet, was eine solche Frage beantwortet hätte. Niemand hatte die Ausdauer und Kraft dieses Projekt fortzusetzen. Aber sie hatten es ein Jahr lang geplant, vorbereitet und gegen alle persönlichen Tragödien, widrigen Umstände und aller Perspektivlosigkeit zu Ende gebracht und durchgeführt.

Das Archiv wurde nach langen Auseinandersetzung von der Stadt wieder frei gegeben. Parallel haben zwei Jugendliche in Babelsberg eine alte Post besetzt. Das angedachte Kino wurde schnell und über Monate hinweg zum Archiversatz und nötigen Treffpunkt. Alles zu einer Zeit wo niemand mehr damit rechnete, dass sich in Potsdam was bewegen wird …

(Erinnerungen eines Beteiligten)