Archiv der Kategorie 'Ohrensessel'


„Parecon – gemeinsam nachhaltig und gerecht Wirtschaften“

von parecon.pdm@gmail.com

Vielen Menschen ist seit langem klar, dass der Kapitalismus seine „Wohlstand für alle“-Versprechungen niemals erfüllen wird. In jeder Ausführung, ob Soziale Marktwirtschaft oder neoliberales Modell genannt, wird er immer zu Geld- und Machtkonzentration auf der einen und zu materieller Armut und Hunger auf der anderen Seite führen. Die Menschen, die das erkannt haben, stehen insbesondere der Globalisierung in ihren negativen Auswirkungen kritisch bis ablehnend gegenüber.
Sie befürchten, dass die gegenwärtige Wirtschaftsform durch ihren Wachstumszwang die begrenzten Ressourcen und empfindlichen Ökosysteme der Welt zerstört.

Aus den Forderungen der Antiglobalisierungsbewegung wurde in den letzten Jahren ein alternatives Wirtschaftssystem entwickelt, welches nun darauf wartet, diskutiert, verbessert und umgesetzt zu werden.
Dieses orientiert sich an den Grundsätzen der Gerechtigkeit, Vielfalt, Solidarität, ökologischen Nachhaltigkeit und der partizipativen Selbstbestimmung.
Mit anderen Worten, der Versuch, jede und jeden gerecht nach Einsatz zu entlohnen und nach Möglichkeit in Tätigkeitsbündeln langweiliger und erfüllender Arbeit zu beschäftigen. Weiter sollen verschiedene Lebenskonzepte und Weltanschauungen akzeptiert werden. An die Stelle des Konkurrenzkampfes tritt ein miteinander leben und arbeiten. Ressourcen werden nur in dem Umfang abgebaut und verbraucht, in dem unsere Umwelt und die folgender Generationen nicht unwiederbringlich zerstört wird. Partizipative Selbstbestimmung bedeutet, dass alle je nach Betroffenheit bei Entscheidungen mitreden und mitentscheiden dürfen. Dies soll durch umfassende Rätestrukturen gewährleistet werden.
Um die Produktionsmenge der Güter zu bestimmen und ihre wahre, ohne Werbung und Modetrends verfälschte Nachfrage zu ergründen, wird nicht
auf Expert_innen wie z.B. in der Planwirtschaft zurückgegriffen, sondern auf die Produzent_innen und Verbraucher_innen. Stark vereinfacht ausgedrückt, schließen sich diese in Räten zusammen und analysieren gemeinsam, was sie privat und gemeinschaftlich in welchen Mengen konsumieren sowie produzieren wollen.
Die Konsumwünsche werden als „Anforderungskatalog“ zusammengefasst und durch moderne Informationstechnologie zu den Produzent_innen weitergeleitet, woraufhin diese mit der Auflistung der möglichen Produktion und einer Übersicht der zu verbrauchenden Materialien reagieren. Darüber hinaus finden bei diesem Prozess die Umstände der Rohstoffgewinnung und der zur Produktion nötige Arbeitseinsatz der Arbeiter_innen Berücksichtigung. Die Konsument_innen erhalten alle relevanten Informationen über die konkreten Auswirkungen ihres Konsums auf die Gesellschaft.

Das könnte im Einzelnen wie im folgenden Beispiel aussehen:

Der Konsumrat „Grenzstraße“ umfasst einen Straßenzug, der 50 Haushalte beherbergt. Der Rat beschließt in einer Sitzung die Ausrüstung aller Gemeinschaften (Familien, WG’s, Rentnerehepaare) mit 2 Computern mittlerer Qualität. Auf die Konsumanfrage antwortet der Rat der Fabrikarbeiter_innen, dass es möglich wäre die 100 Computer zu produzieren. Es sollte aber beachtet werden, dass Mikroelektronik viele seltene und umweltschädliche Metalle verbraucht. Die Montage
ist weiter sehr arbeitsintensiv und monoton für die Arbeiter. Der Konsumrat diskutiert
seinen Antrag erneut und entscheidet ein öffentliches und kostenloses Internetcafé einzurichten, das mit 20 hochqualitativen Computer und 2 Laptops zum Ausleihen ausgestattet wird. Die Computer haben eine längere Lebensdauer als die zunächst bestellten und verbrauchen zudem weniger Strom. Durch den Konsumverzicht kann eine öffentliche Schule mit einem Computerkabinett und weiterer Technik zur Unterrichtsgestaltung ausgerüstet werden. Die restlichen gesparten Produktionskapazitäten werden dazu benutzt, die Forschung zum Recycling von Metallen und der maschinellen Fertigung von Elektronik voranzubringen. Dadurch wird die Umweltbilanz bei der Herstellung verbessert und der Arbeitsaufwand
für die Fabrikbeschäftigten minimiert. Die Einsparung schafft einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen.

Das ist natürlich nur ein kleines Beispiel von vielen, bei dem die Konsument_innen durch direkte Interaktion mit den Produzent_innen und durch die Verfügbarkeit aller Informationen zu gesellschaftsverträglichen, ökologischen und zukunftsorientierten
Entscheidungen gelangen.

Durch die vielen partizipativen Elemente dieser Wirtschaftsordnung wird sie „Parecon“ (participatory economy) genannt.

Kritiker werfen dem Konzept vor, nur eine neue Utopie der perfekten Gesellschaft zu sein. Die umfassende Kommunikation und Selbstbestimmung der Menschen wird als undurchführbar abgetan.
Tatsächlich bestehen bereits heute viele Ideen der Parecon, die jedoch meist nur halbherzig und inkonsequent ausgeführt aber dennoch zum Nutzen vieler eingesetzt werden. Seien es Bürgerbefragungen, Produktentwicklung mit Konsument_innenbeteiligung oder fairer Handel. Der gestiegene Anspruch an die Kommunikationsmittel könnte schon heute durch das Internet und die in globalisierten Unternehmen angewendeten Techniken bewältigt werden.

Wichtig ist nun, das Parecon Konzept weiten Teilen der Gesellschaft nahe zu bringen und eine breite Diskussion über Möglichkeiten, Risiken und Vorteile des Systems anzustoßen. Gerade in den Tagen der Finanzkrise wird wohl niemand die Notwendigkeit einer neuen Wirtschaftsordnung bestreiten.

Weitere Details und Beispiele in:
„Parecon – Leben nach dem Kapitalismus“ von Michael Albert
Trotzdemverlag, 2006, Frankfurt a.M.
ISBN: 3-931786-33-1

und unter www.parecon.org
(Dort ist das Buch auch kostenlos auf Englisch zu erhalten.)

Der Autor des Artikels freut sich über Fragen, Kritik und weiterführende Diskussionen. – parecon.pdm@gmail.com

Lesewarnung

Sanssouci von Sten

Andreas Maier: Sanssouci, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 2009, 19,80 Euro.

Kulturpolitik in Potsdam, das ist wenn eine Bande von Feiglingen und Reaktionären, ohne Geschmack und Sinn für Ästhetik die Produktion von kulturindustrieller Dutzendware verwaltet. Die Resultate sind entsprechend peinlich. Eine der überregional bekannteren Peinlichkeiten ereignete sich, als die Stadt Potsdam dem Schriftsteller Andreas Maier 2005 im Zuge der – gescheiterten – Bewerbung als Kulturhauptstadt 2010 ein Stadtschreiber-Stipendium angedeihen lassen wollte. Man wollte so tun, als ob Potsdam auch etwas mit zeitgenössischer Kunst zu tun habe. Maier sollte allerdings in einer Plattenbauwohnung der Gewoba untergebracht werden, was die Freunde von Barock und Reaktion auf die Palme brachte. Schließlich sorgten Potsdams Innenstadthändler dafür, dass Maier in einem Barockhaus am Broadway unterkam. Nun hat Maier im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel „Sanssouci“ seinen Potsdam-Roman vorgelegt. Das Resultat ist genauso peinlich, wie die Potsdamer Kulturpolitik.

Die Geschichte (so man diesen Begriff überhaupt verwenden kann): Max Hornung, ein Regisseur aus dem Westen, der über ein Potsdamer Neubaugebiet eine umstrittene Fernsehserie namens „Oststadt“ gedreht hat, kommt ums Leben und wird im Westen beerdigt. In Potsdam diskutiert man darüber, wie man seiner würdig gedenkt. Ein merkwürdiges Geschwisterpaar wandelt durch die Gegend. Esoterikerinnen lassen sich von gutgläubigen Männern schwängern, um diesen dann die Kinder vorzuenthalten. Eine von ihnen hat ein Kind namens Jesus und praktiziert SM-Sex in einem Labyrinth unter dem Park Sanssouci. Ein russisch-orthodoxer Mönch betreibt Ermittlungen. Die linke Szene organisiert eine Demo gegen die Garnisonkirche und lebt ihre Frühlingsgefühle aus. Am Ende kommt heraus, dass der Regisseur die Serie nur gedreht hat, um mit dem Geld, das er dafür von der Stadt erhielt den Unterhalt der Kinder eines Freundes, deren Mutter er geheiratet hat, zu bezahlen. Ein Mädchen stürzt bei der Antigarnisonkirchendemo von den Schultern eines Freundes und stirbt.

Offensichtlich hat Maier mehrere Ideen gehabt, aus denen er einen Plott entwickeln wollte: das Aufeinanderprallen von DDR-Spießern und westdeutscher Kultur-Schickeria, Väter die ihre Kinder nicht sehen dürfen, die Verlogenheit der Kleinstädte, wo hinter sauberen Fassaden Abgründe gähnen. Aber Maier kann aus diesen Ideen keine Geschichte entwickeln. Also haut er noch eine gute Portion „Lolita“ drauf, würzt mit „Sakrileg“ nach und dreht alles einmal durch den Wolf. Das Resultat ist danach. Warum Max Hornung und die Serie „Oststadt“ jetzt umstritten waren, bleibt völlig unklar. Die ausgedehnten Passagen zum Sexualleben der ProtagonistInnen (vor allem der mit kleinem i) lesen sich wie eine Altherrenphantasie. Dargestellte Konflikte und Motivationen der Figuren sind langweilig oder unglaubwürdig. Aber Maier hat nicht nur nichts zu erzählen, er kann auch nicht schreiben. Was lakonisch klingen soll, erinnert an Grundschulaufsätze, in denen chronologisches Geschehen in der Art „und dann und dann und dann“ geschildert wird. Ein Beispiel: „Er fuhr direkt nach Eiche zum Haus von Merle Johansson. Es handelte sich um das Gebäude einer ehemaligen Ziegelfabrik, das zu Miet- und Eigentumswohnungen umgebaut worden war. Das Haus lag abseits der Straße. Auf dem Firmengelände war seit der Wiedervereinigung eine Siedlung entstanden, die bei den Potsdamern sehr beliebt war, da sie genau den Stadtrand bildete und nicht nur an den Wald, sondern auch an ein neu gebautes Frei- und Hallenbad grenzte. Das machte die Siedlung besonders für Familien attraktiv. Mai lehnte das Fahrrad gegen den Schwimmbadzaun. Man konnte durch die noch nicht ganz zugewachsene Hecke die Badegäste auf Handtüchern lagern sehen. Direkt hinter dem Zaun saß eine Gruppe blonder Mädchen in schwarzen Bikinis, gepierct und Zigaretten rauchend.“ Und das auf 300 Seiten!

Verstanden hat Maier von der Gesellschaft in der seine Geschichte spielt nichts. Entweder kann er nicht beobachten oder er will es nicht, ersteres ist aber wahrscheinlicher. Da hängen beispielsweise bei Großeltern Kruzifixe an der Wand und sind uneheliche Kinder ein Skandal. Das mag ja in der westdeutschen Provinz, aus der der Autor entsprungen ist, so sein, ist im Osten der 2000er Jahre aber trotz familiärem Rollback und neuer Religiösität einfach nur albern. Aber dafür hat er sich einen Stadtplan von Potsdam gekauft und kann sehr korrekt die Wege der Figuren durch die Stadt anhand der Straßennamen beschreiben. Dieses Namedropping soll wohl Ortskenntnis simulieren und Beobachtungsgabe ersetzen.

Erheiternd sind die Vorstellungen Maiers von der linken Szene. Diese, bestehend aus pubertierenden Hippie-Mädchen, Punkern und düster-intellektuellen Gymnasiasten, trifft sich in der Waschbar oder im Kotz (leicht zu erkennen: das KuZe). Während die Waschbar ein Hippieidyll ist, ist das Kotz der Hort des Punkrock. Schade, das Maier das Archiv nicht entdeckt hat, was hätte er wohl daraus gemacht?

Das Frauenbild Maiers stammt offensichtlich aus dem Umfeld reaktionärer „Vätergruppen“. Frauen, zumeist fiese Veggie-Faschistinnen, wollen bei Maier von Männern geschwängert werden, um diesen dann jeden Kontakt zu den Kindern zu verbieten, sie aber über den Unterhalt finanziell auszunehmen – oder sie sind lesbisch. Und dann gibt es da noch die Mädchen aus der linken Szene, die es Maier ganz offensichtlich angetan haben. Aber auch hier scheint unter der erotischen Faszination der Hass stärker zu sein: die wichtigste Protagonistin aus diesem Spektrum muss auf der Antigarnisonkirchendemo unmotivierterweise sterben.

Fazit: Maiers Buch ist was für Lokalpatrioten und Freunde von Schlüsselromanen, für alle anderen verschwendete Lebenszeit.

Culture Jamming

Rezension: Kalle Lasn: CULTURE JAMMING – Das Manifest der Anti-Werbung, 2005 deutsche Erstausgabe

von Jost Althoff


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