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hubschrauberpilot bis es weh tut

von Inge Käfer

Steffen B., 39 Jahre, Linker, G8-Gegner, Vater, Freund und auf einem Auge blind. Eine „Feuerlöschkreiselpumpe“ mit einer Leistung von 2.200 Litern in der Minute bei 15 bar und einer Wurfweite von 65m, kostete ihm das Augenlicht. Aus Neugierde, so das Gericht, begab sich Steffen B. am Rande des G8-Gipfels 2007 in die Gefahrenzone. Bislang scheiterten alle von ihm angestrengten gerichtlichen Verfahren. Auch das Klageerzwingungsverfahren wurde abgelehnt. In der letzten Potsdamned erschien daraufhin ein Interview mit Steffen B. Die Kommunikationsguerilla hat zugeschlagen. Wie steht es in der Linken Szene um das Medienverständnis? Hier der Versuch einer Annäherung.

Diotima, eine Hohepristerin und Seherin aus Mantinea, führte mit Sokrates folgenden Dialog:

(Sokrates) Ist Eros also hässlich und schlecht?
Sie aber sprach: „Wirst du still sein! Oder glaubst du, was nicht schön ist, müsse deswegen schon hässlich sein?“
„Ja doch!“
„Und wenn nicht weise, so unwissend? Oder weißt du nicht, dass es ein Mittleres zwischen Weisheit und Unverstand gibt?“
„Und was wäre dies?“
„Die richtige Vorstellung, ohne dass man Gründe dafür anzugeben vermag, ist offenbar noch kein Wissen, – denn wie könnte etwas Unbegründetes ein Wissen sein? – aber auch keine Unwissenheit. Denn wie sollte wohl, was Seiendes erfasst, Unwissenheit sein? So ist doch wohl die richtige Vorstellung ein Mittelding zwischen Einsicht und Unwissenheit.“/1 (Also ist offenbar die richtige Meinung so ein Mittleres zwischen Einsicht und Unwissenheit.“)

Was bestimmt unsere Wahrnehmung, wie wird sie bestimmt? Was passiert mit der Flut an Informationen, die tagtäglich auf uns einströmt? Wie machen wir uns ein Bild von den Dingen? Was macht unseren Verstand aus? Was bestimmt letztlich unseren Umgang mit den Medien? Vorstellung alias Intuition?

Diese zeitgemäßen Fragen, lassen sich nach den z.T. tumultartigen Reaktionen auf das Interview „Endlich Hubschrauberpilot“ durchaus stellen.

Der „Fall“ Steffen B. ist sicher schon vielen zu Ohren kommen. Das nahm die Autorin an, setzte es jedoch nicht voraus. Deshalb, bot sie eine knappe Zusammenfassung des Vorfalls im Teaser und ein „up to date“ im Nachtrag (Anmerkungen) an. Fundierte Kenntnisse waren somit nicht notwendig. Zudem nahm die Autorin an, dass eine solche Zusammenfassung insbesondere im Hinblick auf die allgemeinen Repressionen während des G8-Gipfels, und bezüglich der nachfolgenden juristischen Querelen als typisch und durchaus systemimmanent wahrgenommen wird. Dass es beim G8-Gipfel zu Isolationen und gewalttätigen Übergriffen durch die Polizei auf Demonstrantinnen kam, wird vermutlich nur wenige LeserInnen erstaunt haben. Dass es dabei vereinzelt Menschen so traf, dass sie bleibende Schäden davon trugen, scheint schlüssig zu sein. Und so sehr gewaltvolle Polizeieinsätze als bekannte und staatlich legitimierte Mittel der Erhaltung und Sicherung bestehender Machtverhältnisse dienen, schien es aus Sicht der Autorin eher logisch, dass dieses Mittel eben gerade auf dem G8-Gipfel auch „Mittel der Wahl“ war. Die Polizei ist ebenso wie die Staatsanwaltschaft das Vollzugsorgan der Exekutive. Ihre Berechtigung und ihren Handlungsspielraum erhält sie aufgrund der Kontrolle durch die Legislative (Bundestag, Bundesrat usw.)/2 Folglich könnte daraus geschlussfolgert werden, dass eine von der Gesetzgebung legitimierte Gewaltanwendung durch das Vollzugsorgan Polizei, nicht gleich wieder durch das Vollzugsorgan Staatsanwaltschaft in Frage gestellt wird. Deshalb, so die Vermutung der Autorin, würde es nur wenige verwundern, dass Steffen B. bis zum vermeintlichen Klageerzwingungsverfahren, kein juristisches Verfahren gewann – weder bei der Staatsanwaltschaft, noch bei der Generalstaatsanwaltschaft. Und die Erfahrungen zeigen ja, dass linke AktivistInnen hierzulande eher Repressionen, als wohlwollende juristische Unterstützung erfahren.
Mit Erstaunen musste die Autorin nun aber feststellen, dass es trotzdem einige LeserInnen doch gar nicht so abwegig fanden, dass ein Wasserstrahl schießender Polizist aus Verzweiflung Mitglied in der vom Verfassungsschutz beobachteten Solidaritätsorganisation „Rote Hilfe“ wird, dass ein durch Polizeigewalt schwer verletzter Mensch eine umfängliche klinische Augenbehandlung in Dubai und eine Kostenübernahme der Behandlungen sowie begleitende Maßnahmen durch Bundespolizei und Innenministerium erhält, dass auf dieser Grundlage gegen den Autohersteller Mercedes Benz und die Firmen Metz und Ziegler geklagt wird und Wasserwerfer in Zukunft nur noch im Rahmen von Feuerwehreinsätzen erlaubt sein werden. Der geneigten Leserschaft wurde ein Interview präsentiert, das mehr als 16(!) widersprüchliche und falsche Informationen enthielt. Zudem befanden sich – wie gesagt – am Ende des Interviews in gleicher Schriftgröße (!) Anmerkungen der Autorin, in denen zusammengefasst die aktuellen Fakten zum Fall Steffen B. standen. Doch nicht alle Menschen haben den Text ersten vollständig gelesen und zweitens den Fake durchschaut. Offenbar nicht wenige haben – z.T. freudig erstaunt über die glückliche Wendung im Fall Steffen B. – geglaubt, was im Text stand. Erst als nach und nach klar wurde, dass hier Verwirrung gestiftet wurde, meldeten sich selbsternannte MedienwissenschaftlerInnen, wütende LeserInnen und traurige PhilosophInnen zu Wort. Das Geschrei war groß. Die Rede war von Betrug, unseriöser Arbeit, Verarschung und Gemeinheit. Sogar unser Freund Henri von der PNN bastelte bereits an einem Artikel, der auf den profunden Erkenntnissen jenes Interviews basieren sollte. Wer von den Gutgläubigen würde nun noch einmal auf unseren Henri schimpfen?
Es wurden alle erdenklichen Geschosse gegen Redaktion und Autorin aufgefahren, selbst Steffen B. wurde angefeindet. Eines schien klar zu sein, hier wurden Menschen betrogen. Der angebliche Betrug war – aus Sicht der betrogenen Leserschaft – perfekt getarnt und als solcher nicht erkennbar. Anders als im politischen Kabarett kam nicht nach der Sprechpause die Aufforderung zu lachen, weil der Witz als solcher gründlich deklariert ist. Auch stand zwischen den Zeilen weder „Vorsicht“, „Achtung“ oder „bitte lachen“. Plötzlich gab es keine Hilfestellung und keine einleitende Aufklärung. Der/die Leser/in war sich selbst überlassen und musste Kraft eigener Anstrengung einen Text dekodieren, der nur so von Widersprüchen und Ungereimtheiten wimmelte. Und was das Schlimmste zu sein schien, hier wurde ein Text serviert, dessen Genre, nämlich das Interview, Seriösität und Authentizität unbedingt für sich beansprucht.

Was war passiert?

László Mèrö/3 argumentiert in seinem Werk mit den Worten des genialen Konstrukteurs Trurl in einer Geschichte von Stanislaw Lem (Kyberiade), der von seinem König betrogen und dadurch um sein wohlverdientes Geld gebracht wird. „… bei meinen Bemühungen, einen Verstand zu überlisten, der perfekt war, (musste ich) einen festen Punkt finden, ich fand ihn in der Dummheit.“ Die Lösung, die Trurl schließlich fand, lag außerhalb des gewohnten Bezugssystems. Ihm half letztlich seine Fähigkeit, das bestehende System nicht nur als solches zu erkennen und zu abstrahieren, sondern sich auch aus ihm hinaus zu bewegen, es sozusagen von außerhalb zu betrachten und damit andere Lösungsmöglichkeiten zuzulassen. Was Trurl gelungen ist, scheint einigen LeserInnen des Interviews nicht gelungen zu sein. Vielleicht waren sie zu sehr eingebunden in klare Vorstellungen – möglicherweise in die der Seriösität und Authentizität des Genres Interview oder in die Logik der Abfolge der beschriebenen Geschehnisse. Innerhalb des eigenen Bezugssystems ist das Geschilderte durchaus nicht unwahrscheinlich. Gerade deshalb stellt sich plötzlich die Frage, wie starr unsere Bezugssysteme sind und wie sehr sie uns dadurch anfällig für Manipulationen machen. Und daran anknüpfend lässt sich weiter fragen, inwiefern unser (geistiges) Bezugssystem auf unserer inneren Ordnung von Gedanken beruht, die in der Gedächtnisforschung der Anschaulichkeit wegen auch Schemata genannt werden. Denn es sind genau diese Schemata, die, hierarchisch geordnet, unsere Intuition (Vorstellung) ausmachen. Wer kennt ihn nicht, den beliebten Spruch, ich sehe nur, was ich sehen will. Übersetzt heißt das, ich sehe, was mich meine Schemata sehen lassen. Jedes Schema ist auch Bezugssystem und bildet sich durch die Interaktion mit der Umwelt heraus. Obwohl es gerade dieses Bezugssystem ist, welches ursächlich für die Manipulierbarkeit verantwortlich ist, befähigt es uns auf der anderen Seite zur Orientierung in der eigenen kulturellen und menschlichen Umwelt./4 Während das Bezugssystem gemeinhin als Maßstab der Intelligenz sich in seinem Umfeld zu orientieren, gehandelt wird, ist es nach Mèrö genau nicht so. Intelligenz bedeutet demnach die Fähigkeit, die Bezugssysteme zu wechseln, also über eine „besonders effektive und folgerichtige“ Intuition zu verfügen. Zusammengefasst ist die Unfähigkeit, Bezugssysteme zu wechseln, die Ursache dafür, nicht zu erkennen, ob und inwieweit eine Information richtig oder falsch, in welchem Kontext sie steht und wie sie zu bewerten ist. Dem liegen bestimmte Schemata zugrunde, die bei geringer (quantitativer und qualitativer) Komplexizität am Ende schließlich darüber entscheiden, ob es sich um einen dummen Menschen handelt. Denn erst ein kluger, ist offensichtlich zu folgerichtiger Intuition fähig.
Wer hätte gedacht, dass hier so tief greifende Mechanismen am Werk sind? Schlimmer noch, sie sind möglicherweise
auch noch genau dort und bei denen am Werk, die glauben, davor gefeit zu sein.
Das Verfremdungsprinzip, mit dem die Kommunikationsguerilla erfolgreich arbeitet, versucht damit genau solche Mechanismen aufzudecken, die das existierende kapitalistische System überlebensfähig machen. Transportmittel sind die Medien, bleibt die Schrift, der Ton, das Bild. Die Autorin dieses Artikels und des Interviews, hat durch Verfremdung in einen Kommunikationsprozess eingegriffen, indem sie die Leserschaft ihrer eigenen vorstrukturierten Wahrnehmung überführt hat. Verfremdungen sind „subtile Veränderungen der Darstellung des Gewohnten, … über Verschiebungen Bedeutungen herstellen, die nicht oder erwartbar sind.“/5 Verwirrung entsteht also dadurch, dass eine Situation nicht in Frage gestellt, sondern aufgrund seiner Normalität für selbstverständlich gehalten wird. Das gelingt nicht mit ironischer Distanz, sondern mit der Inbrunst des Ernstes. Einzig vorhandene Widersprüche oder unausgesprochene Brüche machen die Verfremdung offenkundig. Doch die Autorin muss in stiller Trauer feststellen, dass Tilman Baumgärtel mit seiner Kritik über das Handbuch der Kommunikationsguerilla recht hatte, als er sagte, „So wie ein Witz nicht mehr lustig ist, wenn man ihn erklären muss, so sind auch die Strategien der sogenannten Kommunikationsguerilla in dem Augenblick wertlos, in dem man sie mit deutscher Gründlichkeit auseinandergepfrimelt und noch dem letzten Trottel verklickert hat.“
Und warum das Ganze? Um „unausgesprochene oder naturalisierte Machtbeziehungen, verdrängte oder normalisierte Aspekte gesellschaftlicher Verhältnisse sichtbar und bewusst zu machen“/6 – besonders für die, die glauben, es am wenigsten nötig zu haben. Steffen B. hat bislang alle Verfahren verloren, einzig das zivilrechtliche steht noch aus. Symptomatisch für unsere Selbstgefälligkeit und Ignoranz, hängt in aller Stille und Vergessenheit ein Verfahren in der Schwebe, an das sich ein Mensch in der Hoffnung klammert, Wiedergutmachung und Gerechtigkeit zu bekommen. Anstatt ihn dabei moralisch, materiell oder gar institutionell zu unterstützen, ist längst Gras über die Sache gewachsen.
Bei allen Zerwürfnissen, die das Interview verursacht hat, der Fall Steffen B. ist wieder in Euren/unseren Köpfen, und genau da gehört er hin, bis die Sache für ihn überstanden ist!

Bis zum nächsten Mal!

Eure Inge Käfer

Fußnoten
/1 http://www.gottwein.de/Grie/plat/symp201d.php, Platon, Symposium (202a), enstanden 330 v.Chr.
/2 [sic!] Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.
/3 László Mérö, Die Grenzen der Vernunft, Kognistion, Intuition und komplexes Denken, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2002,
ISBN 3 499 61419 7
/4 ebenda
/5 Handbuch der Kommunikationsguerilla, 4. Auflage, ISBN 3-935936-04-4
/6 ebenda

Aufgefallen:

von aco.

…ist uns mit welcher Selbstverständlichkeit mittlerweile auch in „linksalternativen“ subkulturellen Kreisen – will sagen selbst unter Menschen, welche sich sonst kritisch patriotischem Männerbündeleigehabe entgegenstellen – die Fußball-WM selbst in eigens organisierten Public Viewing geschaut wird.
Wir wollen gar nicht in die „O Gott, wie kannst du nur bei McDonalds essen, Coca Cola trinken und ins Fitnessstudio gehen“-Schiene verfallen und einen Verhaltenskatalog aufstellen, was mensch als Linke_r tun darf und was nicht. Aber dennoch unsere Verwunderung und (teilweise auch) unseren Unmut zur Diskussion stellen.
Platt gesagt steht erstmal die Frage im Raum: was ist denn daran spannend?

Spannend ist vielleicht, die Mainstreamresonanz auf die WM, die nationalen Hoch- und Tiefgefühle, der Umgang des ZDF mit „umgangsprachlichen Redewendungen“ in denen das Wort Reichsparteitag vorkommt, aus dem Mund ihrer Moderator_innen und Ähnliches. Doch dafür muss ich mir keine 90 Minuten Fußballspiel anschauen. Um den Umgang von Medien und Otto-Normal-Verbraucher_in mit dem ‚medialen Großerereignis‘ zu verfolgen, reicht es eigentlich für eine Stunde am Tag die einschlägigen Fernsehsender einzuschalten oder einfach mal kurz vor einem Deutschlandspiel mit der S-Bahn durch Berlin zu fahren.
Die wenigsten, die sich gerade während der Vokü oder im Zecken-WGWohnzimmer die WM-Spiele reinziehen, interessieren sich sonst für Fußball. Hier scheint der gesellschaftliche Mainstreamkonsens zu greifen, der sagt: das ist jetzt ein wichtigeres Ereignis als die Bundesliga, das verspricht ein Gefühl von dabei-sein, nixverpassen-dürfen, Spannung-Spaß und -Kollektivgefühl. Aber mal ehrlich: der Ausgang der ‚entscheidenden‘ Spiele ist meistens nicht überhörbar. Egal ob mensch sich mitten in Berlin oder am Ostseestrand befindet. Denn überall – im Fernsehen, Radio, auf der Straße, im Supermarkt und auch bei der Arbeit – wird mensch mit Fußball belästigt, nicht zu vergessen von dessen omnipräsenten Fans. Beschriebener Mainstream-Konsens führt auch erfahrungsgemäß dazu, dass während eines Fußballturniers, das wie ein die-Welt-für-immer-veränderndes Ereignis gehypt wird, tatsächlich mehr oder weniger weltbewegende politische Prozesse – z.B. Kürzungen der sozialstaatlichen Versorgung – vollkommen unbeachtet und vor allem widerstandslos vonstatten gehen können. Schon deshalb ist das scheinbar distanzlose Mitgehen darin so kritikwürdig.
Warum aber wird Fußball nun von so vielen sonst im Durchschnitt eher fußalluninteressierten Menschen intensiv im Fernsehen verfolgt? Liegt es nun daran, dass die ‚weltbesten‘ Fußballer gegen einander antreten und deswegen ‚Fußball der Extraklasse‘ geboten wird? Warum aber kennen wir niemanden, der die Fußball-WM der Frauen verfolgt hat? Was gleich zum nächsten Punkt führt: Fußball ist trotz aller Bemühungen von linksalternativen Fanverbänden etc. eine zutiefst patriarchale Welt, eine Bastion der Männlichkeit. Deutlich wird das unter anderem an dem – in letzter Zeit medial durchaus beachteten – Fehlen von schwulen Spielern im Fußball. Auch die rassistischen und antisemitischen Auswüchse meist an den Stellen, wo sich Fußball mit rechter Subkultur vermengt, sollten nicht außer Acht gelassen werden. Nur weil die Fußball-WM in den Medien einen fröhlich bunten Anstrich bekommen hat und Nationalismus mal eben zum ‚hart erarbeiteten‘ und ‚gerechtfertigten‘ Patriotismus wird – der ja auch nur Spaß machen soll und ganz ohne Nebenwirkungen ist, mhm –, ist diese ganze Fußball-WM und die mediale Berichterstattung durchzogen von Rassismus und europäischer Überheblichkeit. Ist es Zufall, dass gerade in diesen Tagen wieder ‚Afrikanische Tage‘ in deutschen Zoos stattfinden…? (siehe: http://blog.derbraunemob. info/)

Es geht wie gesagt gar nicht darum irgendetwas aus politischem Anspruch verbieten oder aburteilen zu wollen. Es geht einfach nur um etwas Enttäuschung über die Kreativlosigkeit der Potsdamer linken Subkultur/* und das Gefühl, dass kritische Betrachtungsweise irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Denn statt sich mit unnationalistischen Deutschlandfahnen-Schwenker_innen das reinzuziehen, was Mutti, Vati und Opa Horst auch gucken, könnte mensch sich auch die Eislauf-WM vom letzten Jahr ansehen oder – noch besser – selber ne Runde bolzen gehen.

Webtipp: Das Mandi-Comic zum Thema Fußball-WM auf mandi. blogsport.de

aco.

/* z.B. auch die des FreiLands, welchem als erste Aktion mit der das Projekt als Veranstaltungsort hervortritt, auch ausgerechnet eine „alternative“ Public Viewing – Veranstaltung gewählt hat. „Alternativ“ ist nicht etwa, dass z.B Aufzeichnungen der Frauen-Fussball-WM gezeigt wurden oder tatsächlich konsequent alle nationalistischen, rassistsichen und männertümeligen Allüren vor der Tür gelassen wurden, sondern vorrangig, weil Gäste mit Nationalsymbolen am Eingang gefragt wurde, ob sie diese nicht abgeben wollen. Muss aber auch nicht, wem’s Spaß macht in schwarz-rot-goldener Schminke mit entsprechenden Stofffetzen zu winken, dem möchte mensch das ja auch nicht verbieten, ne.

Falsch Verstanden

von anonym.

Mensch könnte sagen: Alle Jahre wieder. Nun war es wieder soweit – der Bildungsstreik ist da. Doch: Alles was an der Bildungsstreikbewegung kritisierbar ist, ist kritisiert worden. Dies soll hier auch nicht zum x-ten Mal aufgewärmt werden, ebensowenig wie auf die immergleichen Forderungen eingegangen werden soll.

Bildungsproteste haben eine Geschichte oder besser: Sind Wiederholungender immergleichen Forderungen, sind Ventilfunktion und Initiationsritus für das heranwachsende akademische Prekariat. Deutlich wird das schon an Motivationsphrasen wie: „Einmal im Leben sollte jeder Student protestiert haben“. Es gehört selbst in bürgerlichsten Kreisen zum guten Ton, sich für eine Reformierung der Hochschullandschaft eingesetzt zu haben. Die Differenz zwischen Wesen und Erscheinung der Proteste sollte SchülerInnen und StudentInnen eigentlich verdächtig vorkommen. Am Widerspruch zwischen dem Anliegen, gesellschaftliche Machtverhältnisse aufzulösen und der Tatsache, an ihnen gleichzeitig produktiv mitzuwirken, wird der kritische Status der Proteste offenkundig. Es scheint jedoch, als würde dies niemandem komisch vorkommen und real tut es das auch nicht und wenn doch, wird es danach nur noch schlimmer. Warum dem so ist, dazu später mehr. Was jedoch passiert ist folgendes: Im inflationären und neuerdings sehr beliebten Rückgriff auf Schriften der Situationistischen Internationale gibt sich der kritische Teil der Studierenden den Anstrich der Radikalität oder im inszenierten Schulterschluss mit dem Mensapersonal und dem Fingerzeig auf Frau Schavan stellt der Protestierende sein Bewusstsein um gesellschaftliche Bewegungsgesetze auf traurige Art zur Schau.
Dass sie sich dabei im Begreifen des Spektakels wähnen und die inhärente Rekursion auf den marxschen Begriff des Fetischismus nicht stattfindet, führt die Kritik ad absurdum. Darin äußert sich nicht nur die Einfältigkeit der Organisatoren des Protestes, sondern auch der Happeningcharakter desselben. Als positives Resultat bleiben einzig und allein die im Managen der Proteste erworbenen und gern gesehen Softskills übrig. Bekommt mensch eine Besetzung organisiert, sollte es ein leichtes sein im Jahr darauf die Franchiseabteilung bei Langnese zu leiten.

Wenn mensch sich nun mit den Protesten auseinandersetzt, sind sie als Objekte der Erkenntnis ein geschichtliches Produkt. Und als solches sollten sie auch behandelt werden, da dies im doppelten Sinne auf sie zutrifft, sollte sie sich nicht bald ihrer gesellschaftlichen Konstitution bewusst werden.

Demnach steht im folgenden der Versuch einige Begriffe und Zusammenhänge zu nennen, auf die in der gegenwärtigen Auseinandersetzung dringend rekurriert werden sollte. Überspitzt mensch die Situation, steht die Gesellschaft an einem Übergang, dem Wechsel zu einer wissensbasierten Gesellschaft. Wissen fungiert hierbei als Triebkraft der verschiedenen Nationalökonomien und Wirtschaftsräume. Es scheint als trifft die Rationalisierung zusätzlich des Menschen eigenstes Wesen. Die lebendige Persönlichkeit wird zum Kapital, welches gehandelt wird und Gewinn maximieren soll, für andere und sich selbst. Der Schein der Freiheit wird um ein weitere gesteigert; der Englischkurs hat im Element der selbstbestimmten Bildung aufs Innerste die Steigerung des eigenen Kapitals eingeschrieben. Das Leben selbst wird zum Euphemismus, fordern und fördern konstituieren die Einheit des Individuums, aus dem es sich erschafft und erschaffen wird. Das autonome Subjekt besucht die autonome Hochschule.
Protest gibt es von allen Seiten, denn: „Zu vielen Menschen wird heute leider nicht die Möglichkeit geboten, ihre Fähigkeiten voll zu entwickeln. […] Schulischer[r] Misserfolg konzentriert sich häufig auf bestimmte Bevölkerungsgruppen und führt zu deren wirtschaftlicher und sozialer Marginalisierung.“/1 Das sagt die OECD und bedauert: „All zu oft werden solche Debatten sehr hitzig geführt, ohne Klarheit zu bringen.“ Schöner könnte es auch die Bildungsstreikbewegung nicht bedauern.

Werte und Leitbilder, die mit beiden Forderungen einhergehen, sind Chancengleichheit und Individualisierung. Anders: Die Bildungsstreikbewegung wärmt die Leitbilder der bürgerlichliberalen Gesellschaft auf. Chancengleichheit fällt wiederum ebenso mit einer Definition von Humankapital zusammen, nämlich die Steigerung und Verbesserung individueller Chancenfähigkeit. Ersichtlich ist die ähnliche Sprache beider Pole der Betrachtung von Bildung und der häufig unreflektierte Gebrauch derer. Dem ökonomischen Diskurs kann mensch zu Gute halten das er verloren ist und durch sein gesellschaftliches Sein zu falschem Bewusstsein verurteilt. Schwieriger wird dies bei der (eigentlich gemochten) Bildungsstreikbewegung, wollen sie doch eigentlich die Guten sein gegen Bertelsmann & Co. Es stellt sich also die Frage, wie kann oder konnte es dazu kommen?

Die Ziele des bürgerlichen Schulsystem lassen sich in 3 Schlagwörtern zusammenfassen: Individualisierung, d.h. Kompetenzentwicklung für ein selbstbestimmtes Leben, Integration, also Teilhabe am wirtschaftlichen und politisch-kulturellen Leben und schlussendlich Akzeptanz der Grundrechte, wonach Schule und Universität einen Konsens über die Grundwerte zu einem und Loyalität gegenüber dem Gemeinwesen zum anderen herstellen./2

Der einzige Unterschied ist die Konnotation der dargelegten Fakten. Während die Wirtschaft jene Begriffe als Investition auffasst, die eine marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaft konstituiert, könnte mensch aus den diffusen Äußerungen der Bildungsstreikbewegung folgern, dass sie selbstbestimmtes Leben als Voraussetzung für eine selbstbestimmte Gesellschaft einfordern. Die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft führt dies schön aus: „Bildung ist Geld, ohne Geld ist sie nichts“, woraus sich notwendigerweise ergibt, dass ein Studium, dessen (ökonomische) Erfolgsaussichten schlecht sind, besser unterbleibt./3 Folglich stehen die Geisteswissenschaften und alles ökonomisch Nichtverwertbare zur Disposition. Das Schöngeistigkeit auch in Naturwissenschaften möglich ist, scheint für den Bildungsstreikenden unvorstellbar, doch nicht zuletzt offenbart sich an diesem latenten Negativausdruck ein wahrer Teil. Die positive Bestimmung von Bildung läuft in diesem Sinn wieder auf Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe hinaus. Die Argumentation ist zirkulär, ebenso wie der vorliegende Text kommt eine positive Bestimmung nicht von bürgerlichliberalen Vorstellungen los. Der Grund ist, dass in den Idealen der bürgerlichen Gesellschaft die materielle Basis der nächsten enthalten ist: Eine befreite Gesellschaft verwirklicht die Ideen von Freiheit und Gleichheit und spricht nicht nur von ihnen.

Deswegen ist die Bildungsstreikbewegung in ihrer jetzigen Form überflüssig. Selbst wenn sie erreichen sollte, dass sich ein rechtlicher Rahmen zu ihren Forderungen bildet, verwirklicht sie damit nicht eine emanzipatorische Gesellschaft, sondern emanzipiert die bürgerliche. Sie äußert nicht das Bedürfnis einer befreiten Gesellschaft, sondern die Befreiung der Bildung von den Fesseln der Ungleichheit. Dass hier das Postulat der bürgerlichen Aufklärung selbst eingeschrieben ist, gereift ihnen nicht zum Gedanken. Ein freier Markt ist ohne den freien Zugang aller, d.h. ohne die Befreiung von ständischen und zünftischen Schranken, nicht denkbar, ebenso ist ein freier Wissensmarkt nicht ohne freie Bildung für alle möglich. Ersteres war die revolutionäre Rolle des Bürgertums. Gemessen an der Geschichte sind die gemachten Behauptungen z.T. undifferenziert und übertrieben, aber es geht mir darum, eine Tendenz zu konstruieren, die es ermöglicht, die Rolle der Bildungsstreikenden zu kritisieren.

Nehmen wir daher an, ihnen fällt geschichtlich eine ähnliche Rolle wie dem Bürgertum zu: Das Monopol einer bildungsbürgerlichen Klasse, insofern eine solche überhaupt noch existiert, auf die Bildungsgüter zu brechen. Sie verwirklichen damit jedoch nicht ihre eigenen Interessen sondern jene eines sich durchsetzenden geschichtlichen Prozesses, den Übergang der westlichen Welt von einer der Einfachheit halber als industriell bezeichneten zu einer Informations- und Wissensgesellschaft. Frei nach Adorno: Das was sich hier über die Menschen, vermöge ihrer eigenen Interessen durchsetzt, setzt sich gegen den Menschen durch und dies ist ein Widerspruch. Autonomie wird zur Marktautonomie, lebenslanges Lernen zur Weiterbildung und Flexibilisierung, Bildung zur Bereitschaft in die eigene Zukunft zu investieren, Eigenverantwortung zur Selbstaufgabe und dem unbegrenzten Zugriff des Kapitals auf eigene Lebenszeit. Da nicht die Begriffe sondern der ihnen zugrundeliegende materielle Prozess geschichtlich sich durchsetzt, geschieht eine ungewollte Umdefinition und kritische StudentInnen verwirklichen die Anforderungen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses.

Dabei sind Privatisierung und Verbesserung des öffentlichen Bildungswesen durch längeres gemeinsames Lernen, Schüler-BAföG und freien Hochschulzugang nicht Widersprüche, sondern ergänzen sich./4 Während die vom ständigen Abrutschen bedrohte Mittelschicht froh ist, dass ihre Kinder auf Privatschulen nicht mehr mit dem gesellschaftlichen Ausschuss konfrontiert sind, erhalten jene das Gefühl, auch endlich akzeptiert zu werden. Dass sich strukturell jedoch rein gar nichts ändert, ist dabei irrelevant. Wo Bildung zur Ideologie wird, verwischt sie die Grenzen zwischen gesellschaftlicher Macht und Ohnmacht. Die Integration der Nichtintegrierbaren hat ein sozialpsychologisches Moment zu Voraussetzung, welches sich u.a. in Individualisierung und Selbstbestimmung durch Bildung ausspricht. Dass sie dabei weiterhin diejenigen bleiben, die die gesellschaftliche Last zu tragen haben, steht dabei überhaupt nicht zur Disposition.
Was sich nun durch freien Hochschulzugang, Privatisierung und Einheitsschule durchsetzt, ist nicht die Emanzipation des bürgerlichen Subjekts sondern ein Komplex aus Angst, Flexibilisierung, Leistungsdruck und frühkindlicher Optimierung.

Dem gesellt sich ein zweiter fast noch wichtigerer Aspekt anheim. Der Prozess zur gesellschaftlichen Öffnung der Bildungsgüter und -institutionen ist leidlich selbst gewollt von den herrschenden Schichten (mensch schaue nur zu den protestierenden Eltern in Hamburg), die aus der bisherigen „Exklusivität“ von Bildung nicht nur ihre gesellschaftliche Privilegierung rekrutieren, sondern vielmehr objektiv determiniert. Die Grenzen der Prozesse verlaufen jedoch viel komplexer als das Gut-Böse-Schema der Protestierenden vermuten lässt. Nicht zuletzt äußert sich dies in der gleichzeitigen Existenz von Elitehochschulen und Massenuniversitäten, von Gemeinschaftsschulen und Gymnasien ab der 5. Klasse in der bundesrepublikanischen Bildungslandschaft.

Die Gleichzeitigkeit resultiert aus den Kämpfen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte, die sich gegenseitig blockieren zu scheinen. Während die einen so noch ihr Privileg verteidigen und im G8 Modell zu steigern suchen, ist es ökonomisch längst zur Disposition gestellt und die Gemeinschaftsschule wird von Linkspartei und SPD durchgesetzt; während die einen für freien Zugang zu Bildung kämpfen, ist er ökonomisch notwendig geworden; während die einen die ökonomische Notwendigkeit von der Liberalisierung einfordern, graut den anderen vor Auflösung gesellschaftlicher Schranken. Der ökonomische Grund der Verhältnisse, die Spaltung zwischen wirtschaftlicher Macht und Ohnmacht, zieht so tendenziell auch die Mächtigen in ihren Bann. Die Selbstverflochtenheit der Herrschenden in die ihnen äußerliche Macht führt sie ihrer eigenen Entfremdung zu, unter deren Bann gravitierend sie die Möglichkeit verpassen, gesellschaftliche Prozesse zu beherrschen.

Schlussendlich: Es bleibt festzuhalten, Warenförmigkeit von Bildung und freier Zugang zu ihr schließen sich heute nicht aus, sondern ergänzen sich. Reflektiert sich die Bildungsstreikbewegung ganz ungeachtet der realen Probleme nicht darauf, sind ihre Forderungen zur fragwürdigen Gegenwart geworden. Sollte dagegen wiederum protestiert werden, haben wir unsere Begriffe fast vollständig an die Realität verloren. Selbst in den eigenen Forderungen wird die Schlichtung dieses Antagonismus immer deutlicher, so dient für eine längere Beziehung von BAföG lebenslanges Lernen als Argument, für besser Ausstattung der Schulen und Hochschulen die Investition in die Zukunft. Die euphemisierte Sprache kann nur durch eine radikale Gesellschaftskritik gebrochen werden, deswegen sollte es zu einem Grundanliegen werden, die Differenz zwischen Wesen und Erscheinung auszuführen, oder was das Gleiche ist: Sich die marxsche Gesellschaftskritik zu eigen machen, anstatt reformistische Forderungen zu postulieren.

anonym.

Fußnoten
/1 http://www.oecd.org/dataoecd/9/10/41592995.pdf

/2 Vgl. Lohmann, Ingrid; Liesner Andrea (Hrsg.): Gesellschaftliche Bedingungen von Bildung und Erziehung. Eine Einführung.
Kohlhammer, Suttgart 2010.

/3 http://www.deutschland-denken.de/files/download/15/humankapital.pdf

/4 Oder der Vorsitzende der Jungen Liberalen aus dem Zusammenhang zitiert: „2040 weiß die ganze Welt, wie Deutschland seinen Status als Wirtschaftsmacht erhalten und festigen konnte – Bildung, made in Germany. […] Denn soziale Marktwirtschaft und Bildung sind zwei Seiten derselben Medaille. Geprägt wird diese durch Freiheit.“ „50 Jahre deutsche Einheit. Ein fiktiver Rückblick.“ In: magazin 1_10 der Friedrich Naumann Stiftung.