#03


Editorial: Ausgabe #3

Cover #03Hallo, pünktlich zum Jahreswechsel präsentieren wir hiermit Ausgabe Nummer 3. Wie immer geht unser Dank an alle Unterstützer_innen und Autor_innen, ganz besonders an die_den Termine und Adressen-Sammler_in für die allseitig tolle Arbeit. Wir möchten euch weiterhin dazu ermuntern, uns eure Artikel, Statements, Leser_innenbriefe, Aufrufe etc. zu schicken. Im Zuge dessen wollen wir auch darauf hinweisen, dass es überhaupt nicht nötig ist, mehrseitige, akademisch anmutende Lektüre einzureichen (über die wir uns natürlich auch freuen), auch ein kurzes Statement, eine kleine persönliche Berichterstattung, Comics und Zeichnungen oder ähnliches sind sehr willkommen. Ihr gestaltet diese Zeitung – potsdamned sind wir alle (oder so ähnlich)! Was alles sonst noch so wichtig ist, könnt ihr im Kästchen unten nochmal kompakt nachlesen. Die nächste Ausgabe wird as usual in zwei Monaten erscheinen und ab jetzt warten wir gespannt auf eure Einsendungen. Am liebsten per Mail in einem üblichen Textformat (doc, odt, txt, rtf, …), oder aber auch via Post oder Schlittenhund an:
potsdamned@riseup.net (pgp-key: www.inforiot.de/material/potsdamned.asc)
oder
“Potsdamned!”
c/o konte[:x]t Potsdam
Hermann-Elflein-Straße 32
14467 Potsdam.

Redaktionsschluss ist der 15. Februar 2009.
Viele Grüße, das Potsdamned-Team

Kleines Potsdamned – 3×3 für Autor_innen & Co
1.) Einsendeschluss – je mehr Artikel verspätet ankommen, desto mehr Extra-Arbeit hat vor allem der_die Layouter_in und desto mehr verschiebt sich der gesamte Druck nach hinten, doof also. Ausnahmen sind wenn, dann nur nach vorheriger Absprache möglich.
2.) Für Fehler und Schrift haftet der Stift, bzw. ihr selber, ätsch. Bzw. Rechtschreibung ist Repression, wie ihr wollt.
3.) Wir versuchen im Rahmen des Möglichen alles Eingesandte zu drucken. Sollte es platztechnisch oder anderweitig schwierig werden, melden wir uns bei euch. Platzierungen der Artikel u.ä. stellen keine Wertung dar.
4.) TOP: Bilder mit einreichen und Namen/Pseudonym vermerken.
5.) FLOP: Wer rassistische, nationalistische, faschistoide, sexistische, homo-queer-transphobe, antisemitische Scheiße o.ä. einbringen möchte, kann sich die Mühe gleich sparen.

1.400 m² Herz

von Alex

Die Jüdische Gemeinde soll spätestens 2012 ein „Dach über dem Kopf“ bekommen – Kurz: Potsdam baut eine Synagoge. Doch wie wird sie aussehen? Ein paar Gedanken zum Thema Architektur, Religion und Finanzierung.

Mehr als 70 Jahre ist es nun her, dass in der Nacht des 09. November 1938 und an den darauf folgenden Tagen, Synagogen und Geschäfte jüdischer Bürgerinnen und Bürger in Flammen aufgingen, zerstört und geschändet wurden. Von den 2800 Synagogen und Betstuben die zu Beginn der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts auf dem damaligen Gebiet des Deutschen Reiches existierten, zerstörten die Nationalsozialisten und ihre willigen Helferinnen und Helfer mehr als 1400 Einrichtungen. Die verbliebenen Gotteshäuser wurden in den Folgejahren abgerissen, „arisiert“ oder zweckentfremdet. Mit dem November-Pogrom, das als Auftakt für die knapp drei Jahre später einsetzende Schoah zu werten ist, verschwanden nicht nur jüdische Deutsche in den Konzentrations- und Vernichtungslager; es verschwand auch eine Baugattung aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Alte Synagoge am Platz der Einheit Alte Synagoge am Platz der Einheit / Photo: Hans Weber

Ebenfalls in Potsdam, der preußische Stadt welche seit jeher mit dem Namen des Aufklärers Moses Mendelssohn verbunden war und ist, entlud sich der jahrhundertealte Antisemitismus an eben jenen Herbsttagen des Vorkriegsjahres. So waren es auch Potsdamerinnen und Potsdamer die sich aktiv an der Schändung und Zerstörung des Gotteshauses ihrer Nachbarn beteiligten oder schlichtweg dabei zuschauten. In Brand gesteckt wurde die 1767 errichtete Synagoge am heutigen Platz der Einheit nur deshalb nicht, weil die Gestapo die unmittelbar angrenzende Hauptpost nicht in Gefahr bringen wollte. Die im Kontext des Zweiten Weltkrieges stattfindende Bombardierung Potsdams am 14. April 1945, beschädigte schließlich die verwüstete Synagoge und das Gemeindehaus schwer. Zu diesem Zeitpunkt aber hatte sich die Havelstadt bereits schon ihrer Jüdinnen und Juden „entledigt“.
1957 wurden die verbliebenen Reste schließlich endgültig abgerissen. Heute steht auf dem Areal ein gesichtsloses Wohnhaus an dessen Außenseite eine Gedenktafel an die einstige Nutzung erinnert. Damit ist Potsdam nach wie vor die einzige deutsche Landeshauptstadt ohne Synagoge trotz aktivem jüdischen Leben, das sich in der städtischen Öffentlichkeit auf ritualisierte Gedenktage an die Nazi-Herrschaft zu beschränken scheint.

Neue Impulse setzte die Gründung des „Bauvereins Neue Synagoge Potsdam e.V“ im März 2005. Laut eigener Aussage engagieren sich Menschen verschiedenster gesellschaftlicher und kirchlicher Kreise. Seit seiner Gründung setzt er sich mit dem Land Brandenburg für die Errichtung einer neuen Synagoge in Potsdam ein. Gebaut werden soll ein Bethaus samt zugehörigem Gemeindegebäude. Nach der Fertigstellung möchte der Verein Grundstück und Gebäude in eine gemeinnützige Stiftung überführen, die den Unterhalt und die Nutzung gewährleisten soll. Die Stiftung stellt in ihrem Beschluss die Synagoge mit dem Gemeindezentrum zu deren ausschließlicher Nutzung den jüdischen Gemeinden im Land Brandenburg zur Verfügung. Alle Zeichen sprechen dafür, dass mit dem Jahreswechsel das Projekt Stiftung in greifbare Nähe rückt. Momentaner Vorsitzender des Vorstandes ist der ehemalige Finanzstaatsekretär Brandenburgs Dr. Horst Mentrup. Ein Beirat berät den Vorstand zu religiösen und organisatorischen Fragen.

Wer verstehen will, warum erst im fünften Jahr des neuen Jahrtausends Bewegung für ein neues jüdisches Gotteshaus in die Sache kam, muss einen Blick auf die jüngere Geschichte werfen. Zu DDR-Zeiten gab es hier keine jüdische Gemeinde. Nach der Wiedervereinigung mussten die entsprechenden Infrastrukturen erst mühsam aufgebaut werden. Ein Finanzskandal um den ehemaligen Vorstand des jüdischen Landesverbands und der noch immer ungelöste Konflikt mit der ortsansässigen „Gesetzestreuen Jüdischen Gemeinde“ um die Mittel der Landesförderung führten zu massiven Geldproblemen. Nicht zuletzt deshalb betet die 400 Personen starke Gemeinde immer noch im Gebäude der ehemaligen Verwaltung für Wasserwirtschaft auf der Schlossstraße 1. Dieser realsozialistische, schmutzig-braune Betonriegel, der wie ein dunkler Schatten inmitten der schmucken Barockbauten wirkt, strahlt eher den Charme einer Behörde, als den eines lebendig religiösen Ortes der Zusammenkunft aus. Abgesehen von ästhetischen Gesichtspunkten bieten die bestehenden Räume nicht den Platz und das Ambiente um religiöses Lebens und wichtige Feiertage entsprechend zu begehen.
Mittlerweile steht endgültig fest: der Bau kommt weg. Die Abrisskosten für die Gebäude die auf dem 1.400 Quadratmeter großen Areal stehen, übernimmt die Stadt Potsdam. Ganz unumstritten war das Bauvorhaben jedoch nicht. Wie bei fast allen Konzepten scheitern Partnerschaften und gute Vorsätze am Geld, kritische Stimmen regten sich. Die kleine Potsdamer Gemeinde könne das Gotteshaus weder aus eigener Kraft errichten noch unterhalten, bemerkte Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats des Juden in Deutschland, bei einem Besuch im Januar 2007. Kramer warf dem Land Brandenburg vor, dass die finanzielle Unterstützung „unzureichend“ sei. Der Brandenburgische Landesbetrieb für Liegenschaften und Bauen (BLB), der dem Landesfinanzministerium untersteht, gab Mitte 2008 eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, deren Ergebnisse die Grundlage für einen Architekturwettbewerb bilden sollten. Resultat der Studie: die Ampel steht auf Grün, es kann gebaut werden. BLB-Vorsitzender Mentrup setzt nach wie vor auf die finanzielle Hilfe des Landes zur Realisierung des Vorhabens. An politischen Absichtserklärungen auf Landes- wie kommunaler Ebene scheint es dabei nicht zu mangeln, was fehlt, sind konkrete Zusagen ebenso wie Spenden von privater Seite. Dabei gilt doch gerade Potsdam in Sachen Wiederaufbau und damit verbundener Spendenfreudigkeit als Musterbeispiel bürgerschaftlichen Engagements. Pompöse Bauvorhaben wie die Wiedererrichtung des Stadtschlosses oder der Garnisonskirche seien hierfür stellvertretend genannt. Zusätzlich erschwerend kommen die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise hinzu. Die Zuwendungen jüdischer Spenderinnen und Spender ebben mehr und mehr ab. Der jüdische Kindergarten, der in der Drewitzer KITA „Märchenland“ untergebracht war, musste bereits schließen und auch der für Potsdam zuständige Rabbiner Nachum Presman bangt um Unterstützung seiner vielfältigen Tätigkeiten für das Gemeindeleben.

Dabei hatte sich die Potsdamer Gemeinde seit der Wiedervereinigung zukunftsvoll entwickeln können. Mit den 400 eingetragene Mitglieder und deren Familienangehörigen, leben in Potsdam und Umgebung ca. 1.000 Menschen jüdischen Glaubens. Die meisten stammen aus der ehemaligen Sowjetunion und sind seit 1990 als „Kontingentflüchtlinge“ nach Potsdam gekommen. Das jüdisch-kulturelle Erbe in ihrer neuen Heimat mussten sie erst aufstöbern. Primäre Ziel der Gemeinde ist es die Zuwanderinnen und Zuwanderer wieder in ihre Religion und in die neue Gesellschaft zu integrieren. Darin eingeschlossen ist die Integration der älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger, die besondere Fürsorge und Unterstützung benötigen, immerhin ist die mehr als die Hälfte über 60. Mit der Hilfe des Rabbiners werden regelmäßig der Schabbat und die jüdischen Fest- und Feiertage begangen. Innerhalb der Gemeinde existieren Veranstaltungen, in denen jüdische Religion und Gesetze behandelt werden. Eine Sonntagsschule trägt weiterhin zur Festigung der religiösen Identität bei. Alles das sind Aufgaben die die Planerinnen und Planer bei der Errichtung eines neuen baulichen Zentrums berücksichtigen müssen, sind die architektonischen Parameter, gerade bei modernen Synagogen auch von aktuellen und historischen Phänomenen wie „Identität“ und „Migration“ bestimmt. Abgesehen von den sozialen Herausforderungen und dem noch zeitlich „jungen“ Charakter der Gemeinde, kann Potsdam durchaus auf eine 200jährige jüdische Tradition zurückblicken und verzeichnet mit dem Mix aus Integration und Tradition innerhalb der brandenburgischen Landeshauptstadt einen positiven Wandel hin zur festen Verankerung. Das Gotteshaus Synagoge würde deshalb nicht nur eine neues, wieder erstarktes Selbstbewusstsein, sondern auch das Faktum der Normalität des Gemeindelebens innerhalb der Gesellschaft repräsentieren. Automatisch stellt sich an diesem Punkt die Frage: „Und wie wird sie das repräsentieren?“
Um die zukünftige Gestalt der Synagoge zu erahnen oder zu spekulieren, kommt mensch nur schwer um eine kleine Geschichte der synagogalen Architektur in der Bundesrepublik nach 1945 herum.

Grundlegend in diesem Sinne gilt: eine »jüdische Architektur« existiert nicht. Es gibt keine besondere Baukunst der Synagoge, genauer: eine besonderen synagogale Raumordnung, aber keine spezifisch jüdische Architektur. Das Judentum als ältester Monotheismus, sieht sich dominant dem abstrakten Prinzip hingewandt und nicht so sehr dem sinnlichen. So war selbst die Bauart des Ersten und Zweiten Tempels von den umliegenden Kulturkreisen des Heiligen Landes beeinflusst worden. Ähnlich gilt dies für die Jüdinnen und Juden in der Diaspora. Die Architektur der Synagogen und anderer Gemeindebauten wurde und wird auch als Ausdruck jüdischen Selbstverständnisses und des Zusammenlebens von Juden und Nicht-Juden in Deutschland verstanden, gestaltet sich daher von Region zu Region stets individuell. Die Stabilität und Fragilität der historischen Erfahrung der Juden in Deutschland, bzw. innerhalb der Diaspora, schlägt sich auch architekturhistorisch nieder. Entscheidend prägte dabei das 19. Jahrhundert mit einsetzender Emanzipation auch den architektonischen Paradigmenwechsel vom portativen Gotteshaus zum dauerhaften Tempel mit seinen Versprechungen auf Heimat. In der Assimilierung ihres Kontextes übernahmen die Synagogen auch christliche Bautypologien und Rituale. Neben orientalisierten Formsprachen, die auf eine fremde Herkunft anspielten, wurde der „deutsch-romanische“ Stil zum Zeichen eines patriotischen Bekenntnisses. Dieser Weg hat sich angesichts der weiteren Entwicklung im 20. Jahrhundert als Trugschluss erwiesen. Die heutige (abklingende) Renaissance der Verwendung zeittypischer Stilelemente will an eine Zeit anknüpfen, in der die Hoffnung auf ein dauerhaftes Zusammenleben ohne traumatische Erfahrung noch bestand. An eine Zeit in der jüdische Gebäude mit christlichen durchaus „mithalten“ konnten und maßgeblich ein Stadtbild prägten. Aber zurück zur Nachkriegsgeschichte.

Die wenigen, mitgliederschwachen nach 1945 etablierten jüdischen Gemeinden haben (schon zahlenmäßig) keine nennenswerte neue Sakralbautradition begründen können: Synagogen und Gemeindezentren sind bis zur deutschen Wiedervereinigung 1989 Randerscheinungen der Architekturentwicklung geblieben. Die Anfänge jüdischer Einrichtungen nach dem Holocaust in der Bundesrepublik und in der Deutschen Demokratischen Republik gestalteten sich nicht grundlos als schwierig. Ein dauerhaftes jüdisches „Leben im Land der Täter“ (Schoeps, 2001) kam für die meisten Überlebenden nicht in Frage. Nur eine kleine Zahl der Mitglieder deutscher Gemeinden hatte die Vernichtung, in den Lagern, im Untergrund oder im Exil, überlebt. Im Mai 1945 lebten in den Besatzungszonen zudem 100.000 Jüdinnen und Juden aus anderen Nationen als „Displaced Persons“ (DP´s), in Vorbereitung auf die Emigration oder der Reise in ihre alte „Heimat“, in DP-Barackenlagern. Da die Frist und Organisation der Abreise eine unbestimmte Zeit in Anspruch nahm, entfaltete sich abseits der deutschen Bevölkerung, nach und nach ein provisorisches jüdisches Leben. Parallel dazu gründeten sich in einigen deutschen Städten ebenfalls die ersten kleinen Gemeinden. Die Gemeinschaften erfüllten wichtige soziale und religiöse Funktionen für die Überlebenden. Eine ehemalige Baracke des DP-Lagers Trutzhain oder die Einrichtung der barocken Synagoge in Celle, die für die Überlebenden des KZ Bergen-Belsen wieder hergerichtet wurde, zeugen von dieser Zeit.
Die wesentlichen Einrichtungsgegenstände eines jüdischen Betraumes finden sich schon in den ersten Provisorien: der Toraschrein und die Bima. Beim Toraschrein handelt es sich um einen, oftmals reich verzierten Schrank in dem die Pergamentrollen der Tora (5. Bücher Mose) und somit das wertvollste Gut einer jeden Gemeinde aufbewahrt werden. Die Lesung aus der Tora, etwa zum Schabbat, bildet den Höhepunkt eines jeden Gottesdienstes, für den mindestens zehn im religionsgeschichtlichen Sinne Erwachsene (Minjan) anwesend sein müssen. Die Lesung der Tora findet auf der Bima statt. Die Bima ist eine Plattform, welche in traditionellen Synagogen im Zentrum des Raums, in reformistisch orientierten vor dem Torschrein steht. In orthodoxen Synagogen sitzen Männer und Frauen getrennt, wofür es oft eine besondere Frauenempore gibt, in liberalen Gemeinden ist die Geschlechtertrennung aufgehoben. Diese sind die wenigen funktionellen Vorraussetzungen des Innenraums einer Synagoge.

Nach der Auflösung der DP-Lager wurden Anfang der 50er Jahre erste Synagogen in Saarbrücken, Stuttgart und Erfurt eingeweiht, was für die zunehmend langsame Etablierung der Gemeinden sprach. Ab Mitte der Fünfziger bis Anfang der Sechsziger kam es in der Bundesrepublik Deutschland zu einer regelrechten „Neubauwelle“ religiöser Einrichtungen. Politisch galt dies als Indikator einer gelingenden „Wiedergutmachung“ der Verbrechen des Nationalsozialismus. Die meisten Neubauten jener Jahre spiegeln eine Neuinterpretation der Bauaufgaben einer Synagoge wieder: allen Bauten ist die Vorstellung gemeinsam ein ganzes Gemeindezentrum, kein isoliertes Gebetshaus zum Konzept zu machen. Zukünftig sollten gemeinschaftsbildende und Identifikation ermöglichende Funktion die Bauwerke prägen. Neben dem eigentlichen Betsaal, als spirituellem Kern, ergänzten Festsäle, Versammlungs- und Verwaltungsräume sowie gelegentlich Altenheime, Kindergärten und Jugendzentren die nachkommenden Zentren. Ästhetisch orientierten sich die Architektinnen und Architekten sowohl am „Neuen Bauen“ der späteren Weimarer Republik als auch an der internationalen Moderne und prägten insofern den Stil der „Nachkriegsmoderne“.
Nach 1965 ebbte die Bautätigkeit mit der Stagnation der Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden ab. Die wenigen bis 1988 realisierten Projekte zeigen den allmählichen Übergang von der Nachkriegsmoderne zu den Konzepten der so genannten Postmoderne: Symbolische Formen entwickelt zum Beispiel aus dem Magen Dawid („Davidstern“) und Reminiszenzen an historische Synagogenbauten erlaubten ein architektonisches Spiel mit bildhaften Bedeutungsebenen, die die prägende Erinnerung an die Zeit der Verfolgung und Vernichtung mit einbeziehen konnten. Mit dem 50. Jahrestag der Pogromnacht im Jahr 1988 begann sich ebenfalls das öffentliche Interesse an den historischen Synagogen zu wandeln: Baulich erhalten gebliebene Synagogengebäude wurden/werden restauriert und einem breiten Publikum als Gedenkstätten, Museen oder Kulturzentren zugänglich gemacht. Andere stehen bis heute umgebaut zu Wohnhäusern, Schuppen oder Werkstätten der Betrachterin/dem Betrachter gegenüber, in zum Teil schmählicher Manier ohne Hinweise auf ihre einstige Funktion und Bedeutung. Selbst bis in heutige Zeit finden Abrisse historischer Synagogen statt.

Die politische Wende in den Staaten des ehemaligen Ostblocks am Anfang der 90er Jahre führte ebenfalls zum Wandel innerhalb der jüdischen Gemeinden. Jüdische Einwanderinnen und Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion erhöhten die Mitgliederzahlen oft um ein Vielfaches und zahlreiche Gemeinden gründeten sich neu. Im Vordergrund stand jetzt die erfolgreiche Integration der Zuwanderinnen und Zuwanderer sowohl in das Gemeinde- als auch in das öffentliche Leben. Entsprechende Räume und bauliche Erweiterungen bestimmten den baulichen Wandel, welcher bis in die Gegenwart anhält.

Jüdische Gemeinde zu Potsdam

Einer der prägnanten Architekten der letzten Jahre ist Alfred Jacoby. Nach dem postmodern Entwürfen und Projekten reduzierte er bei seinen weiteren Bauten die Synagogenkörper auf einfache geometrische Formen (Oval, Rechteck, Kreis). Neu ist ebenfalls das er die Synagogen in die Gemeindehäuser integriert, deren schlichte und durchweg funktionale Gestaltung mit dem sakralen Bau kontrastieren und ihn zugleich als den Kern der Anlagen hervortreten lassen. Für eine andere, gern als „dekonstruktivistisch“ bezeichnete Richtung der zeitgenössischen Architektur steht der israelische Architekt Zvi Hecker. Seine Entwürfe zeichnen sich durch ihre expressive und zugleich symbolisch deutbare Gesamtform aus. Eine einfachere Formensprache entwickelte das Saarbrücker Büro Wandel, Höfer, Lorch für die Synagogen in Dresden und München. Auffällig ist bei beiden die Symbiose von moderner Architektur und religiös-geschichtlicher Elemente, wie etwa der symbolischen Tendenz zum Stiftszelt. So ist die Dresdner Synagoge eines der meist diskutierten Bauwerke der deutschen Architektur der letzten Jahre.
Dresden und München sind Beispiele einer Tendenz im aktuellen Synagogenbau die jüdischen Gotteshäuser als solitären Bauten im Stadtraum sichtbar zu machen und dem Judentum einen Platz in Stadt und Gesellschaft zu geben. Sie erfüllen eine Doppelfunktion: Auf der einen Seite sind sie Bauten der jüdischen Gemeinde und erfüllen gleichzeitig die Funktion eines Erinnerungsmerkmales an die jüdische Geschichte.
Der Trend allerdings ist vielschichtig: einige Gemeinden bevorzugen hingegen weniger monumentale Entwürfe bei denen der Synagogenraum als ein Teil in das Ganze eines Gemeindezentrums integriert ist.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die gegenwärtigen Neubauten der jüdischen Gemeinden als vielfältige und durch entwerferische Konsequenz qualitätsvolle Beiträge zur Entwicklung der Architektur in der Bundesrepublik Deutschland betrachtet werden können. Als sichtbare bauliche Zeugnisse des Standes deutsch-jüdischer Nachkriegsgeschichte bereichern sie das Bild der Städte um Bauwerke die auch in Zukunft Gegenstand der Diskussionen sein werden – weit über ihre architektonische und architekturgeschichtliche Bedeutung hinaus.

Last but not least, stellt sich eine aus der beschriebenen Historie resultierende Frage: Wie reagiert das Gebäude auf einen städtebaulichen Kontext, der vor allem durch die Rekonstruktion von Vergangenen geprägt ist? In Potsdam hat eine doppelte Zerstörung stattgefunden; jene der Alten Synagoge am 09. November 1938 und jene der Potsdamer Altstadt am 14. April 1945. Die Zerstörungen sind zwar historisch miteinander verknüpft, die Reaktion auf das Verschwinden der Bauten könnte jedoch kaum unterschiedlicher sein. Mit der Rekonstruktion des Stadtschlosses oder der Garnisonskirche und anderer tief im kollektiven Gedächtnis verwurzelter Bauten wird der Versuch unternommen die Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart wiederherzustellen. Die räumlichen Zäsuren der Zerstörungen, die Geschichte sichtbar machen, verschwinden. Die Innenstadt Potsdams entwickelt sich zum „preußischen Vorkriegs-Disneyland“. Die Rekonstruktion ungebrochener Kontinuität erscheint im Fall der Synagoge mehr als fragwürdig. Zu groß ist der historische Bruch der Schoah um diese, auch architektonisch zu ignorieren, zu ambivalent die Bauaufgabe „Synagoge“.

Am 21. Oktober diesen Jahres fiel dann auch endlich der Startschuss: Die Architekturunterlagen für den EU-weiten Architekturwettbewerb wurden veröffentlicht. Architekturbüros aus ganz Europa konnten sich für die Teilnahme am Wettbewerb bewerben. Bis Mitte Dezember sammelt der BLB die Teilnahmebeiträge, aus denen eine noch zu benennende Preisjury bis zu 30 Bewerberinnen und Bewerber auswählt und diese auffordert, bis März 2009 Vorschläge für den Neubau einzureichen.
„Ohne Synagoge wäre die Gemeinde ein Körper ohne Herz“, betonte der Dirigent Ud Joffe bei der Gedenkfeier zum 09. November die Notwendigkeit. Auch Rabbiner Nachum Presman hat keine großen Ansprüche an den baulichen Stil, nur „hell und bequem“ sollte sie sein.

Grundlage des Artikels bildet der Text „Synagogenarchitektur nach 1945“ von Dr. Ulrich Knufinke.

electricdress oder dresselectric

Theaterschiff

Electricdress goes shipping, das waren drei Tage unter der Überschrift:
queer + feminist + workshop + fest.

Sechs Veranstaltungstechnik- Workshops, umrahmt von Filmbeiträgen – zusammengestellt von entzaubert Berlin, einer Performance von PUMP aus Bremen und einer Party gestaltet von homoelektrik Leipzig. In Form eines Workshop – Festivals fand vom 5. bis 7. September 2008 auf dem Theaterschiff Potsdam die zweite Veranstaltungsreihe der Initiative electricdress statt.

Rund 50 Personen nahmen an diesem Wochenende an sechs Workshops teil und nutzten die Gelegenheit, erste Einblicke in veranstaltungstechnisch/ künstlerische Bereiche wie Licht-, Aufnahme- und Tontechnik, circuit bending, VJing oder Raumgestaltung zu erhalten. Wir erlebten ein Wochenende, an dem auf Theorie gleich die Praxis folgte. Erlerntes wurde bei den stattfindenden Abendveranstaltungen angewandt und umgesetzt.

Mit dem Angebot geht es der Initiative um eine theoretische und praktische Zugangserleichterung für Frauen, Mädchen und Trans im veranstaltungstechnischen Bereich, um im öffentlichen Raum agieren zu können und Veranstaltungen autonom durchzuführen.

Wenn für uns die Notwendigkeit bestand, die Workshops im Ausschluss von männlich geborenen und sozialisierten* Menschen durchzuführen, so ist das Festival grundsätzlich geschlechteroffen gewesen. Wir handeln mit dem Bewusstsein um konstruierte Geschlechterrollen und dem Vorhaben, diese aufzubrechen und zu demontieren. Dabei geht es um einen offenen Prozess der strukturellen Veränderung in Potsdam und nicht (nur) das Zurückziehen in von uns geschaffene abgegrenzte Räume.

Bleibt festzustellen, dass an den Workshops und Veranstaltungen auffallend viele Nicht Potsdamer_innen partizipiert haben. Nun könnten wir mutmaßen, ob für Menschen aus dieser Stadt das Konzept electricdress mit Berührungsängsten oder dem Gefühl der Ablehnung verbunden ist. Wahrscheinlich ist es uns nicht gelungen, das Anliegen von elctricdress transparent genug darzustellen. An der Stelle sind wir auf Feedback von außen besonders angewiesen.

Nach Sondierung der Möglichkeiten und vielfacher Bewerbung um einen Veranstaltungsort stellte sich das Theaterschiff als einzige realisierbare Möglichkeit für unser Konzept heraus. Außerdem bot das Schiff die Chance, unsere Inhalte über den Szenezusammenhang hinaus einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Unterstützung und Fürsprache und letztlich das große Vertrauen der Theaterschiffbesetzung hat natürlich bei der Ortswahl eine nicht unbedeutende Rolle gespielt.

electricdress wurde zum Teil durch LOS Potsdam, den ASten der Fachhochschule und der Universität Potsdam finanziell unterstützt. Die Förderung war u. a. Basis, die Workshops in dem Format durchführen zu können (Bereitstellung von Räumlichkeiten, Materialien und bezahltem Fachpersonal).

Das Bespielen eines Ortes, in dem nicht unentgeltlich gearbeitet wird, wie es beim Theaterschiff der Fall ist, zwang uns, ökonomischer zu planen und teilweise die Gestaltung der Veranstaltungen danach auszurichten.

Erfahrungsgemäß gegenüber stehen sich nun vier Wintermonate mit einem kontinuierlichen Workshopverlauf (Januar bis April), Veranstaltungen und inhaltlichen Auseinandersetzungen im Spartacus sowie ein Wochenendfestival mit 2 Tagen Workshops und Diskussionen auf dem Theaterschiff.

Der Projektstart im damaligen Spartacus war sicherlich für alle Seiten nicht ohne Haarausfall über die Bühne gegangen. Die Haltung gegenüber electricdress schwankte zwischen aktiver Unterstützung, der Einsicht zur Notwendigkeit eines solchen Projektes oder Verständnislosigkeit, vielleicht auch begleitet von dem Gefühl der Ausgrenzung (Workshopteilnahme war auch dort auf Frauen, Mädchen und Trans beschränkt). Gründe liegen in arbeitsalltäglichen Belastungen, Doppelfunktionen, fehlender Kommunikation, ungenügend geklärten Erwartungen sowie unterschiedlichen Ansprüchen, um nur einige Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zu benennen.

Theaterschiff Wichtig dazu die Erfahrung, dass es vom Theaterschiff eine eindeutige Willensbekundung zum inhaltlichen Konzept von electricdress gab. Sicherlich war es für die inzwischen aus 9 Personen bestehende electricderess Orgacrew einfacher, die Initiative nach außen dazustellen. Ganz banal erleichtert ein mittlerweile besserer technischer Wissensstand und mehr Erfahrung die Planung und Durchführung.

An der Stelle sei auf jeden Fall noch gesagt, dass es ohne den langen Prozess im Spartacus electricdress in der Form vermutlich nicht geben würde. Der Spartacus war wichtiger Impuls und Wegbegleiter_in für die Initiative. Die Sollbruchstellen, die e-dress in der Arbeit im Spartacus erlebt hat, sind richtungsweisend für unsere Entwicklung und zeigen auf, an welchen Stellen Handlungsbedarf ist.

Inzwischen ist die Initiative electricdress Ausgangspunkt für das Entstehen anderer Projekte. Ein für unsere Begriffe sehr spannendes ist „do it herself“, das in Leipzig angelaufen ist.

Was hat electricdress weiterhin vor? Kommt electricdress nun ins Museum und wir gehen endlich entspannt tanzen? Oder müssen wir vielleicht doch noch ein bisschen was dafür tun…

Noch mal zur Erinnerung:

Die Initiative versteht sich als queerfeministisches Format zur Förderung von Frauen und Mädchen im veranstaltungstechnischen Bereich. Sie sieht sich als eine Plattform für Austausch, Vernetzung und für eine geschlechterübergreifende Diskussion emanzipativer gesellschaftlicher Entwicklungen jenseits geschlechtlicher Zuschreibungen. Neben dem Wunsch, in der Praxis lernen zu wollen, möchte electricdress auch kreieren und zwar nicht ausgelagert aus dem bestehenden Raum, sondern mittendrin. Und genau deswegen gibt es das Konzept, Workshops in Verbindung mit Veranstaltungspraxis in Potsdam durchzuführen.

*mit Ausnahme von männlich geborenen und sozialisierten Menschen, die sich als Frau definieren