#11


Potsdamned# 11 ist erschienen!

Tada! Diese Ausgabe hat ein bissel länger gebraucht. Nun ist sie da. Dafür jut.

Titelbild:

Inhalt:

Für die nächste Ausgabe braucht es Artikel, Leser_innenbriefe, Kritik, Comix, Gemälde und ähh, Geld. Die Förderung ist mit der 10ten Ausgabe ausgelaufen und wir sitzen auf dem Trockenen. Wer Ideen und/oder direkt Moneten bzw. Arbeitskraft (z.b. für den Druck) hat, bitte melden.

Bis denne,
die Potsdamned! Crew

hubschrauberpilot bis es weh tut

von Inge Käfer

Steffen B., 39 Jahre, Linker, G8-Gegner, Vater, Freund und auf einem Auge blind. Eine „Feuerlöschkreiselpumpe“ mit einer Leistung von 2.200 Litern in der Minute bei 15 bar und einer Wurfweite von 65m, kostete ihm das Augenlicht. Aus Neugierde, so das Gericht, begab sich Steffen B. am Rande des G8-Gipfels 2007 in die Gefahrenzone. Bislang scheiterten alle von ihm angestrengten gerichtlichen Verfahren. Auch das Klageerzwingungsverfahren wurde abgelehnt. In der letzten Potsdamned erschien daraufhin ein Interview mit Steffen B. Die Kommunikationsguerilla hat zugeschlagen. Wie steht es in der Linken Szene um das Medienverständnis? Hier der Versuch einer Annäherung.

Diotima, eine Hohepristerin und Seherin aus Mantinea, führte mit Sokrates folgenden Dialog:

(Sokrates) Ist Eros also hässlich und schlecht?
Sie aber sprach: „Wirst du still sein! Oder glaubst du, was nicht schön ist, müsse deswegen schon hässlich sein?“
„Ja doch!“
„Und wenn nicht weise, so unwissend? Oder weißt du nicht, dass es ein Mittleres zwischen Weisheit und Unverstand gibt?“
„Und was wäre dies?“
„Die richtige Vorstellung, ohne dass man Gründe dafür anzugeben vermag, ist offenbar noch kein Wissen, – denn wie könnte etwas Unbegründetes ein Wissen sein? – aber auch keine Unwissenheit. Denn wie sollte wohl, was Seiendes erfasst, Unwissenheit sein? So ist doch wohl die richtige Vorstellung ein Mittelding zwischen Einsicht und Unwissenheit.“/1 (Also ist offenbar die richtige Meinung so ein Mittleres zwischen Einsicht und Unwissenheit.“)

Was bestimmt unsere Wahrnehmung, wie wird sie bestimmt? Was passiert mit der Flut an Informationen, die tagtäglich auf uns einströmt? Wie machen wir uns ein Bild von den Dingen? Was macht unseren Verstand aus? Was bestimmt letztlich unseren Umgang mit den Medien? Vorstellung alias Intuition?

Diese zeitgemäßen Fragen, lassen sich nach den z.T. tumultartigen Reaktionen auf das Interview „Endlich Hubschrauberpilot“ durchaus stellen.

Der „Fall“ Steffen B. ist sicher schon vielen zu Ohren kommen. Das nahm die Autorin an, setzte es jedoch nicht voraus. Deshalb, bot sie eine knappe Zusammenfassung des Vorfalls im Teaser und ein „up to date“ im Nachtrag (Anmerkungen) an. Fundierte Kenntnisse waren somit nicht notwendig. Zudem nahm die Autorin an, dass eine solche Zusammenfassung insbesondere im Hinblick auf die allgemeinen Repressionen während des G8-Gipfels, und bezüglich der nachfolgenden juristischen Querelen als typisch und durchaus systemimmanent wahrgenommen wird. Dass es beim G8-Gipfel zu Isolationen und gewalttätigen Übergriffen durch die Polizei auf Demonstrantinnen kam, wird vermutlich nur wenige LeserInnen erstaunt haben. Dass es dabei vereinzelt Menschen so traf, dass sie bleibende Schäden davon trugen, scheint schlüssig zu sein. Und so sehr gewaltvolle Polizeieinsätze als bekannte und staatlich legitimierte Mittel der Erhaltung und Sicherung bestehender Machtverhältnisse dienen, schien es aus Sicht der Autorin eher logisch, dass dieses Mittel eben gerade auf dem G8-Gipfel auch „Mittel der Wahl“ war. Die Polizei ist ebenso wie die Staatsanwaltschaft das Vollzugsorgan der Exekutive. Ihre Berechtigung und ihren Handlungsspielraum erhält sie aufgrund der Kontrolle durch die Legislative (Bundestag, Bundesrat usw.)/2 Folglich könnte daraus geschlussfolgert werden, dass eine von der Gesetzgebung legitimierte Gewaltanwendung durch das Vollzugsorgan Polizei, nicht gleich wieder durch das Vollzugsorgan Staatsanwaltschaft in Frage gestellt wird. Deshalb, so die Vermutung der Autorin, würde es nur wenige verwundern, dass Steffen B. bis zum vermeintlichen Klageerzwingungsverfahren, kein juristisches Verfahren gewann – weder bei der Staatsanwaltschaft, noch bei der Generalstaatsanwaltschaft. Und die Erfahrungen zeigen ja, dass linke AktivistInnen hierzulande eher Repressionen, als wohlwollende juristische Unterstützung erfahren.
Mit Erstaunen musste die Autorin nun aber feststellen, dass es trotzdem einige LeserInnen doch gar nicht so abwegig fanden, dass ein Wasserstrahl schießender Polizist aus Verzweiflung Mitglied in der vom Verfassungsschutz beobachteten Solidaritätsorganisation „Rote Hilfe“ wird, dass ein durch Polizeigewalt schwer verletzter Mensch eine umfängliche klinische Augenbehandlung in Dubai und eine Kostenübernahme der Behandlungen sowie begleitende Maßnahmen durch Bundespolizei und Innenministerium erhält, dass auf dieser Grundlage gegen den Autohersteller Mercedes Benz und die Firmen Metz und Ziegler geklagt wird und Wasserwerfer in Zukunft nur noch im Rahmen von Feuerwehreinsätzen erlaubt sein werden. Der geneigten Leserschaft wurde ein Interview präsentiert, das mehr als 16(!) widersprüchliche und falsche Informationen enthielt. Zudem befanden sich – wie gesagt – am Ende des Interviews in gleicher Schriftgröße (!) Anmerkungen der Autorin, in denen zusammengefasst die aktuellen Fakten zum Fall Steffen B. standen. Doch nicht alle Menschen haben den Text ersten vollständig gelesen und zweitens den Fake durchschaut. Offenbar nicht wenige haben – z.T. freudig erstaunt über die glückliche Wendung im Fall Steffen B. – geglaubt, was im Text stand. Erst als nach und nach klar wurde, dass hier Verwirrung gestiftet wurde, meldeten sich selbsternannte MedienwissenschaftlerInnen, wütende LeserInnen und traurige PhilosophInnen zu Wort. Das Geschrei war groß. Die Rede war von Betrug, unseriöser Arbeit, Verarschung und Gemeinheit. Sogar unser Freund Henri von der PNN bastelte bereits an einem Artikel, der auf den profunden Erkenntnissen jenes Interviews basieren sollte. Wer von den Gutgläubigen würde nun noch einmal auf unseren Henri schimpfen?
Es wurden alle erdenklichen Geschosse gegen Redaktion und Autorin aufgefahren, selbst Steffen B. wurde angefeindet. Eines schien klar zu sein, hier wurden Menschen betrogen. Der angebliche Betrug war – aus Sicht der betrogenen Leserschaft – perfekt getarnt und als solcher nicht erkennbar. Anders als im politischen Kabarett kam nicht nach der Sprechpause die Aufforderung zu lachen, weil der Witz als solcher gründlich deklariert ist. Auch stand zwischen den Zeilen weder „Vorsicht“, „Achtung“ oder „bitte lachen“. Plötzlich gab es keine Hilfestellung und keine einleitende Aufklärung. Der/die Leser/in war sich selbst überlassen und musste Kraft eigener Anstrengung einen Text dekodieren, der nur so von Widersprüchen und Ungereimtheiten wimmelte. Und was das Schlimmste zu sein schien, hier wurde ein Text serviert, dessen Genre, nämlich das Interview, Seriösität und Authentizität unbedingt für sich beansprucht.

Was war passiert?

László Mèrö/3 argumentiert in seinem Werk mit den Worten des genialen Konstrukteurs Trurl in einer Geschichte von Stanislaw Lem (Kyberiade), der von seinem König betrogen und dadurch um sein wohlverdientes Geld gebracht wird. „… bei meinen Bemühungen, einen Verstand zu überlisten, der perfekt war, (musste ich) einen festen Punkt finden, ich fand ihn in der Dummheit.“ Die Lösung, die Trurl schließlich fand, lag außerhalb des gewohnten Bezugssystems. Ihm half letztlich seine Fähigkeit, das bestehende System nicht nur als solches zu erkennen und zu abstrahieren, sondern sich auch aus ihm hinaus zu bewegen, es sozusagen von außerhalb zu betrachten und damit andere Lösungsmöglichkeiten zuzulassen. Was Trurl gelungen ist, scheint einigen LeserInnen des Interviews nicht gelungen zu sein. Vielleicht waren sie zu sehr eingebunden in klare Vorstellungen – möglicherweise in die der Seriösität und Authentizität des Genres Interview oder in die Logik der Abfolge der beschriebenen Geschehnisse. Innerhalb des eigenen Bezugssystems ist das Geschilderte durchaus nicht unwahrscheinlich. Gerade deshalb stellt sich plötzlich die Frage, wie starr unsere Bezugssysteme sind und wie sehr sie uns dadurch anfällig für Manipulationen machen. Und daran anknüpfend lässt sich weiter fragen, inwiefern unser (geistiges) Bezugssystem auf unserer inneren Ordnung von Gedanken beruht, die in der Gedächtnisforschung der Anschaulichkeit wegen auch Schemata genannt werden. Denn es sind genau diese Schemata, die, hierarchisch geordnet, unsere Intuition (Vorstellung) ausmachen. Wer kennt ihn nicht, den beliebten Spruch, ich sehe nur, was ich sehen will. Übersetzt heißt das, ich sehe, was mich meine Schemata sehen lassen. Jedes Schema ist auch Bezugssystem und bildet sich durch die Interaktion mit der Umwelt heraus. Obwohl es gerade dieses Bezugssystem ist, welches ursächlich für die Manipulierbarkeit verantwortlich ist, befähigt es uns auf der anderen Seite zur Orientierung in der eigenen kulturellen und menschlichen Umwelt./4 Während das Bezugssystem gemeinhin als Maßstab der Intelligenz sich in seinem Umfeld zu orientieren, gehandelt wird, ist es nach Mèrö genau nicht so. Intelligenz bedeutet demnach die Fähigkeit, die Bezugssysteme zu wechseln, also über eine „besonders effektive und folgerichtige“ Intuition zu verfügen. Zusammengefasst ist die Unfähigkeit, Bezugssysteme zu wechseln, die Ursache dafür, nicht zu erkennen, ob und inwieweit eine Information richtig oder falsch, in welchem Kontext sie steht und wie sie zu bewerten ist. Dem liegen bestimmte Schemata zugrunde, die bei geringer (quantitativer und qualitativer) Komplexizität am Ende schließlich darüber entscheiden, ob es sich um einen dummen Menschen handelt. Denn erst ein kluger, ist offensichtlich zu folgerichtiger Intuition fähig.
Wer hätte gedacht, dass hier so tief greifende Mechanismen am Werk sind? Schlimmer noch, sie sind möglicherweise
auch noch genau dort und bei denen am Werk, die glauben, davor gefeit zu sein.
Das Verfremdungsprinzip, mit dem die Kommunikationsguerilla erfolgreich arbeitet, versucht damit genau solche Mechanismen aufzudecken, die das existierende kapitalistische System überlebensfähig machen. Transportmittel sind die Medien, bleibt die Schrift, der Ton, das Bild. Die Autorin dieses Artikels und des Interviews, hat durch Verfremdung in einen Kommunikationsprozess eingegriffen, indem sie die Leserschaft ihrer eigenen vorstrukturierten Wahrnehmung überführt hat. Verfremdungen sind „subtile Veränderungen der Darstellung des Gewohnten, … über Verschiebungen Bedeutungen herstellen, die nicht oder erwartbar sind.“/5 Verwirrung entsteht also dadurch, dass eine Situation nicht in Frage gestellt, sondern aufgrund seiner Normalität für selbstverständlich gehalten wird. Das gelingt nicht mit ironischer Distanz, sondern mit der Inbrunst des Ernstes. Einzig vorhandene Widersprüche oder unausgesprochene Brüche machen die Verfremdung offenkundig. Doch die Autorin muss in stiller Trauer feststellen, dass Tilman Baumgärtel mit seiner Kritik über das Handbuch der Kommunikationsguerilla recht hatte, als er sagte, „So wie ein Witz nicht mehr lustig ist, wenn man ihn erklären muss, so sind auch die Strategien der sogenannten Kommunikationsguerilla in dem Augenblick wertlos, in dem man sie mit deutscher Gründlichkeit auseinandergepfrimelt und noch dem letzten Trottel verklickert hat.“
Und warum das Ganze? Um „unausgesprochene oder naturalisierte Machtbeziehungen, verdrängte oder normalisierte Aspekte gesellschaftlicher Verhältnisse sichtbar und bewusst zu machen“/6 – besonders für die, die glauben, es am wenigsten nötig zu haben. Steffen B. hat bislang alle Verfahren verloren, einzig das zivilrechtliche steht noch aus. Symptomatisch für unsere Selbstgefälligkeit und Ignoranz, hängt in aller Stille und Vergessenheit ein Verfahren in der Schwebe, an das sich ein Mensch in der Hoffnung klammert, Wiedergutmachung und Gerechtigkeit zu bekommen. Anstatt ihn dabei moralisch, materiell oder gar institutionell zu unterstützen, ist längst Gras über die Sache gewachsen.
Bei allen Zerwürfnissen, die das Interview verursacht hat, der Fall Steffen B. ist wieder in Euren/unseren Köpfen, und genau da gehört er hin, bis die Sache für ihn überstanden ist!

Bis zum nächsten Mal!

Eure Inge Käfer

Fußnoten
/1 http://www.gottwein.de/Grie/plat/symp201d.php, Platon, Symposium (202a), enstanden 330 v.Chr.
/2 [sic!] Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.
/3 László Mérö, Die Grenzen der Vernunft, Kognistion, Intuition und komplexes Denken, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2002,
ISBN 3 499 61419 7
/4 ebenda
/5 Handbuch der Kommunikationsguerilla, 4. Auflage, ISBN 3-935936-04-4
/6 ebenda

Ihr wollt Monopoly spielen? …besser das Spiel kaputtmachen!

von A(nok)

Nun ist die erste Aufregung vorbei und das InWoLe hat seine Förderkohle behalten. Doch die Auseinandersetzung um die Folgen ist noch nicht vorbei. Eine Folge ist die Neuauflage einer der unsäglichsten Artikel aus der unsäglichen „Hallo Potsdam“ in Form eines langen Zitats…
eine Antwort auf „Lerneffekte“ in der Potsdamned Nr. 9

Hallo, soziale Bewegung?

Beide Teile des Artikels bedienen sich einer unangenehmen Managmentsprache. Da ist von Synergieeffekten und Effizienz und Infrastruktur die Rede. Dazu passend wird auch noch eine Monopoly-Metapher bemüht. Manche Texte entwaffnen sich schon in der Sprache einfach selbst. Beide Artikel offenbaren ein sehr schräges Verständnis von sozialer Bewegung und Revolte, oder sie haben einfach kein Verständnis davon. Beides ist symptomatisch für das Ende einer Bewegung. Der Zyklus Hausbesetzerbewegung ist vorbei und kann auch nicht so einfach durch eine, zugegebenermaßen relativ erfolgreiche, Freiraumkampagne wiederbelebt werden.

Hier geht es im ersten Schritt um die „effizientere“ Verwaltung der Restbestände einer sozialen Bewegung und im zweiten Schritt um den inhaltsleeren und vor allem Bewegung-freien, planmäßigen Ausbau von Infrastruktur. Das Wachstum als Selbstzweck. Und wenn’s klappt kann mensch da bestimmt auch noch einen Job als (Haus-) Projektberater_in abgreifen. Das ist ja irgendwie auch die Verbindung von Arbeit und Politik. Das wäre der nächste Schritt in der Professionalisierung der Bewegungsmanager_innen (ohne Bewegung).

Einer der spannenden Punkte an sozialen Bewegungen ist es kollektiv, eigene Erfahrungen zu machen, das heißt vielleicht auch Fehler zu wiederholen. Das heißt nicht das mensch sich nicht helfen lässt oder sich woanders Inspiration sucht. Und falls so was wie eine soziale Bewegung wieder auftaucht, sollten wir eben auch offen und „transparent“ sein und unsere Erfahrungen mit einbringen. Dafür müssten wir uns allerdings auch auf die Suche nach diesen neuen Bewegungen machen und nicht ewig im Alten hängen bleiben.

Von dem, was auch die Hausbesetzer_innenbewegung einmal spannend gemacht hat, lassen die Artikel nichts mehr übrig. Es zählt (im wahrsten Sinne des Wortes) nur noch die Infrastruktur, der Raum. Die Freiräume sind nicht mit Inhalten gefüllt, Menschen kommen da nur noch als Mittel zum Zweck vor.
Aber um mein Leben gemeinsam mit anderen zu organisieren, zusammen um ein besseres zu kämpfen, brauch ich kein „eigenes Haus“, das geht auch in einem normalen Mietverhältnis.
Die beiden Artikel drehen das um, wollen uns glauben machen, wenn nur erstmal ein Haus da ist, dann ziehen da auch welche ein. Wenn wir erstmal die Infrastruktur für eine soziale Bewegung hinstellen, kommt die Bewegung schon.

Leute haben doch nicht mit sprühen angefangen, weil die VIP gesagt hat: macht doch eine_r mal die Stromhäuschen bunter. Menschen besetzen ja nicht deswegen keine Häuser mehr, weil´s ihnen niemand erklärt wie´s geht, genauso wenig wie die legalen Häuser deswegen Probleme haben voll zu werden, weil keine_r weiß, dass da Zimmer frei sind. Glaubt ihr denn wirklich, dass die Leute einfach nur darauf warten, dass da eine_r vorbeikommt und sie „mobilisiert“?
Wenn wir uns fragen warum die Leute die vielfach vorhandenen Strukturen nicht oder falsch nutzen (die vielbeklagte Konsument_innenhaltung), dann kommen wir doch auf andere Antworten, oder?

Eine Bewegung lässt sich weder herbei organisieren, hier sollten wir nicht Kampagnen mit Bewegung verwechseln, noch scheitert sie an ineffektivem Management. Effektives Management war schon immer das Ende eines jeden emanzipativen Aufbruchs.

Soziale Bewegungen entstehen wenn Leute mit einem gemeinsamen Problem, (neu) zusammenkommen, diskutieren, sich organisieren, zusammen Kämpfen. Einer dieser Punkte kann der hohe Mietpreis sein. Aber reden wir mit unseren Nachbarn_innen, machen wir ihnen den Vorschlag sich mal zusammenzusetzen, um mit mehr Leuten darüber zu reden? Bewegen wir uns eigentlich in Nachbarschaften in denen die Leute Probleme haben ihre Miete zu bezahlen?
Sind wir Teil von solchen Versuchen, und die gibt es immer wieder, versuchen wir sie anzustoßen? Oder ziehen wir uns weiter raus und sagen den anderen, die meist in Lebenssituationen stecken in denen wir auch auch kein Hausprojekt stemmen könnten, macht´s doch so wie wir? Funktioniert zwar auch nicht gut, aber dafür sind wir keine Spießer, super!

Hallo. Revolte?

Die Idee den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, und ihn einfach mit Genossenschaften und Vereinen von Innen her aufzukaufen ist fast so alt wie der Kapitalismus selbst. Diese Idee kam meist am Ende einer Revolte auf, dann wenn der Sturm vorbei war und die realistischen Sachverwalter der Reste zum Zuge kamen. Von der Volkseisen-Raiffeisenbank über den genossenschaftlichen Wohnungsbau (mit so revolutionären Namen wie „Karl Marx“) bis zur Existenzgründerinitative, namens Genossenschaftsbewegung, der gescheiterten Spontis in den 70/80ern, sind alle Pleite oder vom Kapitalismus eingesogen worden. Genauso wie in den meisten, in den 80ern legalisierten, Häusern in Kreuzberg vom einst revolutionären Ansprüchen nichts mehr übrig ist. Ein Geschäfts- oder Mietmodell unter vielen. Selbstverwaltung und kollektives Eigentum sind kein Selbstzweck. Es muss darum gehen Eigentum als eine Grundlage des Kapitalismus anzugreifen und nicht, ein kapitalkonformes, kollektives Selbstmanagement der eigenen Armut aufzubauen. Ein legales Hausprojekt an sich, ist so wenig ein Bruch mit dem Kapitalismus, wie eine Belegschaft die Belegschaftsaktien kauft.

Nichts anderes ist erstmal das Mietshäusersyndikat, vollkommen inhaltsleer ist das einzige Ziel Immobilien vom freien Markt zu nehmen und in kollektive Besitzverhältnisse zu überführen. Da ist die Wohnungsgenossenschaft Karl Marx allein in Potsdam
erfolgreicher.
Wie gesagt, die Idee ist nicht gerade neu.

Na klar, werden jetzt einige sagen: Aber es kommt ja darauf an wie mensch die „Freiraumprojekte“ füllt. Genau! Darauf kommt es an, aber genau darum geht es diesem Artikel nicht. Darum ging es sehr selten, wenn in letzter Zeit von Freiraum und Freiraumbewegung die Rede war. Und wenn wir darüber reden, dann darüber, was in den Häusern passiert, z.B. ob mensch sich wirklich vom Familienministerium fördern lassen sollte (kein anderes Haus in Potsdam hat es wirklich einen Furz interessiert, wenn sie von der CDU angegriffen worden sind und das sag ich nicht aus Häme, sondern weil ich das gesamte Finanzierungskonzept des InWoLe schon vorher für einen Fehler hielt). Wollen wir wirklich die ganze Zeit mit so einem Wichtigtuer wie Dirk Hader zu tun haben?
Oder was eben nicht passiert. Reicht es uns wirklich einfach „nur“ in einer Groß-WG zu leben und ne fette Baustelle am Arsch zu haben?
War das spannende an der Hausbesetzerbewegung nicht auch die Revolte, das Illegale, der zumindest gefühlte und auch nur zeitweise Bruch mit allem, mit Eigentum, Arbeit(szwang), Mainstream-Kultur und Familienstrukturen? War es es nicht auch das, weswegen die Bewegung so groß wurde?
Wo verlaufen die Brüche heute, wenn nicht mehr an den Häusern entlang? Nutzen wir unser Zusammensein in den (Rest-)Häusern um zu kämpfen oder haben wir uns längst aufs schöner Wohnen zurückgezogen?

Hallo, Staat! Hallo, Kapitalismus!

„Freiraumbürger“ ist auch nur ein anderes Wort für Staatsbürger! Das Schild „Ende des demokratischen Sektors“ ist schon lange abgeschraubt. Sich auch noch selbst in einer solchen Kategorie wie „Bürger“ zu denken, offenbart eine Fixierung auf den Staat, die Angst macht. Aber klar, wer vom Familienministerium gefördert werden will, muss sich wohl deren Sprache bedienen. Und schneller als gedacht quatscht mensch mit einer solchen Rhetorik in einer vermeintlich linksradikalen Zeitung.
Forderungen nach einer steuerlichen Absetzbarkeit der eigenen, als Politik verpackten, Sozialarbeit oder Förderung durch die Stadt sind das Gegenteil von emanzipativer, ganz zu schweigen von revolutionärer Politik. Wollen wir daran arbeiten, dass wir unsere Politik (schlecht) bezahlt kriegen oder den Zwang, der Tätigkeit zur Lohnarbeit macht, mal grundsätzlich angehen? Dafür müsste ´ne radikale Linke allerdings mal aufhören an ihren Nischen zu basteln, die dann oft genug noch als Prototyp der Modernisierung des Kapitalismus dienen. Flache Hierarchien, kollektiv verantwortliche Gruppenarbeit, Eigenverantwortlichkeit, Selbständigkeit, die schöne neue prekäre Arbeitswelt ist links!

Und natürlich sind wir alle nicht frei von Alimentierungen durch den Staat. Dies war immer der sozialdemokratische Weg, soziale Bewegungen zu spalten, einzubeziehen, ruhig zu stellen. Das reicht von der Arbeitslosenversicherung bis zu den legalisierten Häusern. Der Unterschied ist die Wertung: Sagen wir, das wurde dem Staat abgerungen oder waren das Mechanismen um Konflikte zu deckeln und die Leute wieder auf den Boden der kapitalistischen Grundordnung zu holen? Das erste war einer der Preise dafür, das sich die Sozialdemokratie an der blutigen Niederschlagung der (entstehenden) Räterepubliken beteiligt, zweiteres war der Preis dafür, dass eine sterbende Bewegung in ihren Rückzugsgefechten nicht andauernd die Innenstadt zerlegt. Beides sind Ergebnisse verschiedenster Formen des Klassenkampfs, und zwar der unversöhnlichen Art, beide waren zwar Ergebnisse, aber nicht die Ziele.

Wenn wir anfangen unsere Forderungen von Anfang an Papa Staat zu richten, nehmen wir den Kämpfen von Anfang an ihre emanzipative, revolutionäre Spitze, ja überhaupt die darin enthaltene Möglichkeit die ganze Scheiß doch mal umzustürzen. Am
Ende muss jede_r allein zum Amt.
Dass wir mit der Bettelei an den Staat im sozialdemokratischen Sumpf Potsdam, wo mensch auch immer noch ein bisschen Angst vor einem Wiederaufflammen der alten Zeiten hat, offene Türen einrennen, geschenkt. Im Zweifelsfall springt da auch mal ein „Freiland“ heraus. Ein Erfolg, klar, irgendwie schon. Ein Bruch mit den Verhältnissen? Nicht ansatzweise.

Die Frage ist: Haben wir schon in unseren Träumen kapituliert, und lassen uns auf das sozialdemokratische Projekt ein? Der zitierte „Hallo Potsdam“-Artikel hat sogar die Chuzpe uns das als „Utopie“ zu verkaufen. Wenn das Utopie ist, wie sieht dann reale Politik aus!?!
Argumentieren wir nicht mal mehr mit den Sachzwängen, um diese scheiß Kompromisse vor uns selbst zu rechtfertigen? Ein Teil der „Szene“ hat sich schon voll und ganz auf die Monopolylogik eingelassen und füllt damit eine ganze Zeitung. Aber noch weniger als von Kreuzberg aus die Welt gesquatet wurde („Squat the world“), wird von Freiburg aus die Welt kollektiviert werden.

Fangen wir doch mal ein neues Spiel an. Soziale Bewegungen schaffen sich ihre Freiräume, aber Infrastruktur schafft keine neuen Bewegungen.
Lassen wir die alten Kategorien, die elende Verlängerung einer toten Bewegung, doch endlich hinter uns. Angesichts einer weltweiten Krise der Kapitalverwertung auf dem vorläufigen Höhepunkt, deren Folgen wir seit 30 Jahren bezahlen, sollten wir anfangen alles neu zu denken.
Warum haben sich nicht sofort nach der Bekanntgabe des aktuellen Sparpakets die „HartzIV-Eltern“ aus der (Polit?-)Szene zu Wort gemeldet und angefangen den Widerstand zu organisieren? Wir haben es mit dem größten Verarmungsprogramm seit den HartzIV-Reformen zu tun. An der fehlenden Infrastruktur kann es nicht liegen.
Denken wir ernsthaft darüber nach, wie wir anfangen diese ganzen scheiß Verhältnisse umstürzen. Wenn das in den Wohnprojekten oder auch im Spartakus passieren würde, saniere ich auch noch weitere 10 Jahre die vorhandenen
Bauruinen.

In rage geschrieben hat sich: A(nok)

P.S.: Nur so zur Einordnung: Die meisten Fragen stelle ich mir aus gegebenen Anlass selbst.