#09


W[I]E FIGHT!?

von besserwisser

Wie grotesk erschien es mir als ich in dem allseits beliebten RBB, genauer der renommierten Nachrichten-Heimat-Show „Brandenburg Aktuell“ Campina Arbeiter_innen sah, welche um ihren Arbeitsplatz kämpften und offensiv, fast schon aggressiv, ihr Transparent in die Kamera hielten: WE FIGHT! Doch was war geschehen? Campina als globaler Konzern möchte eine unrentable Aussenstelle mit etwas über 100 Mitarbeiter_innen schließen. Matze Platze schnackt ganz nach Wahlkampfaussage „Ich setze mich für jeden Arbeitsplatz ein!“ ein wenig mit den Geschäftsführern und verkündet enttäuscht: „Nix zu machen.“ Wie schade würde mensch und die Opfer der Stellenstreichungen jetzt denken. Eigentlich könnte die Erzählung an dieser Stelle enden, wenn da nicht dieses Transpi WE FIGHT wäre.
Leider blieben die erwarteten (KAMPF-)Aktionen aus. Kein Kopfgeldjaging auf Manager, kein Fabrikbesetzing, kein Erpressing mit Fabrikhochsprenging oder Straßenschlachting, nicht mal ein Bosskidnaping. Irgendein Gen schien den Elsterwerdaraner Genossen_innen zu fehlen, dass sie nicht den Aktionismus der französischen Genossen_innen übernahmen. Firmenchefs festsetzen, Drohungen aussprechen die Fabrik zu sprengen oder gar die Fabrik über Wochen besetzt halten und militant gegen jedwede Popeleieinheiten verteidigen. Welle für Welle, geschehen in Südkorea. Ein anderer Erklärungsversuch wäre, dass der Repressionsapperat und Überwachungsstaat einfach die Kommunikation zur zentralen Koordinationsstelle für revolutionäre Umstürze, die Ortsstelle Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Cottbus, unterbrochen hatte um die solidarischen Massenstreiks zu verhindern. Und ohne Führung kein Aufbegehren. Schade, Schade, die Weltrevolution war so nah…the struggle goes on…

„Ich weiß, das wird ein sehr beschwerliches Stück
Doch wir holn uns irgendwann IGM und Verdi zurück!“ (Holger Burner)

Käsekuchen

Seit einigen Monaten ist in die Potsdamer Naziszene neuer Schwung gekommen. Es sind vermehrt Propagandaaktionen zu beobachten und auch der inhaltliche Output ist rapide angewachsen. Das fast schon chronische Organisationsdefizit der Nazis scheint fast verschwunden zu sein. Geäußert hat sich dieses Defizit im beinahe völligem Fehlen dauerhafter Strukturen. Die Namen und Logos der rechten Gruppierungen waren so stabil wie Erdbeereis im Solarium. Dieser Artikel will ein wenig Licht in die Struktur der lokalen Naziszene bringen. Dazu werden wir uns im ersten Teil mit der rechten Parteienstruktur und der Freizeitgestaltung widmen. Im zweiten teil werden wir versuchen das Phänomen der „Autonomen Nationalisten“ in Potsdam zu erklären und die bisherigen Erkenntnisse einer Analyse unterwerfen. Seit den letzten Landtagswahlen 2009 sitzt die DVU nach zehn Jahren nicht mehr im Brandenburger Landtag.

Geschafft hat es glücklicherweise keine der neonazistischen Parteien, jedoch gilt es, die Dynamik der NPD nicht zu unterschätzen. Diese Partei ist momentan auf dem „Vormarsch“ und versucht sich nach dem Bruch des deutschlandpaktes brandenburgweit zu verankern, auch in Potsdam. Mittlerweile sitzt nicht mehr die DVU im Potsdamer Stadtverordnetenparlament, stattdessen ein NPDler. Die Person jedoch bleibt- Marcel Guse. Einst als Nachfolger des verstorbenen Neonazis Günther Schwemmer wechselte er nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse 2009 zur NPD. Noch einige Tage zuvor präsentierte er sich als Redner bei einer DVU-Kundgebung und schwang breit grinsend die Deutschlandfahne. Die DVU verliert in Potsdam ihre Bedeutung, die NPD macht sich breit – Brandenburg soll wohl zukünftig die „Brücke“ zwischen Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern werden. Innerhalb kürzester Zeit folgen ausführliche Berichterstattungen über die Stadtverordnetenversammlung auf der Internetseite der NPD Havel-Nuthe, immer mehr NPDPropagandaaktionen in Form von Flugblättern, Aufklebern im Stadtzentrum und Comics an Schulen können beobachtet werden.

Am Wochenende des 09./10 Januar gründet sich der NPD-Stadtverband Potsdam, drei Wochen später findet der erste Potsdamer „NPD-Stammtisch“ statt. Bei diesem sind u.a. die selbst ernannten „Freie Kräfte“ aus Potsdam anwesend- auf der Tagesordnung: Vernetzungsarbeit. Auf dem Gründungsfoto des NPD-Stadverbandes ist übrigens der Schlagzeuger der extrem rechten Band „Preussenstolz“ zu erkennen- mit einem Pullover seiner Band.
Es wird deutlich, dass eine Zusammenarbeit zwischen NPDlern und „Freien Kräften“ in Potsdam existiert, und dass ihre einzelnen Aktivitäten immer häufiger sichtbar werden.

Es gibt in Potsdam zur Zeit vier bekannte Nazibands: Cynic, Preussenstolz, Burn Down sowie Lost Souls. Am Beispiel von letzterer lässt sich nachvollziehen, welches Angebot die bisher gewachsene Musikszene bietet. Lost Souls traten zum ersten Mal im Jahr 2007 auf einem Sampler Namens „Die Söhne Potsdam II“ in Erscheinung. Auf diesem Sampler ebenfalls vertreten waren Cynic und Bloodshed. Bloodshed ist eine der Bands des umtriebigen Potsdamer Sängers Uwe Menzel, der in der Vergangenheit als Sänger der Gruppen Proissenheads, Aryan Brotherhood und Burn Down in Erscheinung getreten ist. Zwei der Lieder drei Lieder von Lost Souls, behandeln den Tod von David F., einem Jugendlichen der während einer Schlägerei vor einem Jugendclub erstochen wurde. Doch die „Hetze der Gut-Menschen und ihrer „anti-faschistischen““ Gehilfen habe die Veröffentlichung ihrer Lieder unmöglich gemacht. Weiterhin hoffen die Macher der CD, dass „die Leute in Potsdam dadurch erkennen wer hier in Wirklichkeit intolerant und ein Feind der Freiheit ist“. Nach der Veröffentlichung kam es im Umfeld der Band Lost Souls zu sogenannten „Intoleranten Reaktionen“. Von der Band, die vorher aus Nazis und „unpolitischen“ Jugendlichen bestand, blieben nur die Nazis übrig. Diese veröffentlichten dann Mitte 2009 ein eigenes Album bei dem rechten Label „PC-Records“. Die Texte wandelten sich vom versteckten Antisemitismus alà: „ Das Unglück überschwemmt die ganze Welt, Und keine Kultur mehr zusammenhält, Merkt nicht ihr wie sie uns belügen, wie sie verraten und betrügen“ hin zur eindeutigen Glorifizierung der deutschen Wehrmachtsangehörigen (Stichwort: Opa war kein Verbrecher). In Richtung der Antifa heißt es nunmehr: „Doch wir werden euch noch zeigen, was ihr losgetreten habt, ihr verdammten kleinen Kriecher, ihr verdammten Antifas“. Und auch ihr Antisemitismus wurde offener, wenn er sich auch immer noch hinter Antiamerikanismus verschanzt: „Weit entfernt jeglicher Vorstellungskraft, sind die Dinge jahrelang geplant, (…) durch verfälschte Tatsachen und Bürgerkriege streben sie eine Weltherrschaft an“. So lässt sich an der Entwicklung einer Band nachvollziehen, wozu Nazimusik dient: Sie dient zur Erschließung bisher lediglich anpolitisierter Jugendlicher und deren Integration in die sich subkulturell gebende Naziszene.

Die Band Preussenstolz besteht ebenfalls aus jungen Potsdamer Neonazis (unter anderem Manuel Baruth aus Neu-Fahrland sowie Daniel Hintze aus Potsdam), ihre politische Einbindung in die Szene erfolgte allerdings bevor sich die Band zusammen fand. Ein wichtige Figur bei der technischmusikalischen Unterstützung dieser jungen Gruppen, ist der Sänger von Cynic. Als Ein-Mann-Band spielt er zumindest auf den CD-Veröffentlichungen alle Instrumente selbst ein und kann so den jüngeren unbedarften Kameraden mit Rat und Tat zur Seite stehen. Bei Konzerten bekommt er Unterstützung von Preussenstolz. Der Großteil dieser Konzerte findet in Sachsen statt und schon alleine der Versuch an den Ort des Geschehens zu gelangen dürfte an einer abenteuerliche Schnitzeljagd erinnern, die den Mitmachenden das Gefühl gibt sich subversiv zu verhalten und so den Zusammenhalt stärkt, vom Konzerterlebnis als solchem einmal abgesehen. Textlich drehen sich die Lieder der rechten Potsdamer Musikszene ums immer gleiche: Opa war ein guter Soldat, Todesstrafe für Kinderschänder, Politiker machen unser Land kaputt, ab und an auch mal um kaputte (Liebes-)Beziehungen und natürlich vereinten den Hass der Gruppen auf „Antifas“ und „rote Socken“. Mal sehen sich die Gruppen selbst in Potsdam am Drücker, mal sei Potsdam von einer Gut-Mensch-Mafia regiert. Mal ist Opa unschuldig, mal hat er fürs Land gekämpft. Die Brüchigkeit der ihrer Ideologie ist für eine_n Außenstehende_n gut ersichtlich. Für Nazis gehört das Überspielen derselben zum Alltag. Besonders augenfällig wird dies beispielsweise bei „Cynic“ in dem Song „Erzähl mir nichts“. In diesem geht es um die Ablehnung von Drogenkonsum und Partygängerei und sich in folgende Textstelle hinein steigert: „Eine ganze Generation die sich selbst vernichtet, vom lachenden Herrscher hingerichtet“. Die Tatsache, dass ein nicht geringer Teil der Gewalttaten aus der Potsdamer Naziszene unter Alkoholeinfluss geschieht, die Potsdamer Nazis laut Eigenbekundungen auch gerne mal einen „über den Durst trinken“ (Daniel Hintze bei einem Prozess wegen des Überfalls auf einen linken Jugendlichen: „Eine Flasche Korn- höhöhö- davon werd ich doch nich betrunken“) und sich auch nicht zu blöde sind mit dem Konsum illegalisierter Substanz nahezu hausieren zu gehen, scheint hierbei noch nicht einmal einen Denkanstoß zu geben. Neben der Musik, spielt in Potsdams Naziszene auch Sport eine wichtige Rolle. Wie einigen Leser_innen noch bekannt sein durfte, mietete der Stützpunktleiter der JN Potsdam im Jahr 2008 eine Turnhalle an. Dort fand zum Einen die Gründung der JN Potsdam statt und zum Anderen wurde darin Fußball gespielt. Letzteres wohl als Vorbereitung für die Teilnahme an dem einen oder anderen „nationalen Fußballturnier“.

Wenn Potsdams Nazis einmal genug davon haben ihre Gitarren zu malträtieren oder Fußbälle durch die Gegend zu kickern, dann vergnügen sie sich in Lokalitäten wie dem Musicpark Teltow, dabei kommt es, vornehmlich auf dem Heimweg, auch immer wieder zu Übergriffen auf vermeintlich linke Jugendliche. Oder sie besuchen ganz einfach den dörflichen Jugendklub um die Ecke. Nennenswert sind hier vor allem der Jugendclub Caputh, in dem Tim Borowski sich engagiert (neben seiner Tätigkeit als Anti-Antifafotograph), sowie der Jugendclub Fahrland, der gleich mit einer ganzen Reihe von Neonazis als Dauergast aufwarten kann.

Krisenstories 2

von Ernst Simon

Nachdem nun seit nahezu zwanzig Jahren das Kapital überall auf der Welt nahezu ungehindert wüten darf und die Realität dementsprechend aussieht, sollte doch die linke Szene so stark, wie nie zuvor sein. Liegt schließlich in der Logik der Dinge. An dem ist jedoch nicht so. Man sieht’s. Die einen machen die vermeintliche Perspektivlosigkeit zum Hauptgrund. Andere wiederum das vermeintliche Fehlen einer Arbeiterklasse. Jeder hat aber den gleichen Feind. Was tun?

Der Aktionismus vieler ist stark, wird von moralischen Erwägungen, Zugehörigkeitsgefülen, Mitläufertum o.ä. gespeist. Das Problem selbst könnte jedoch mitunter die Szene selbst sein. Zuallererst sollte sie sich selbst angemessen definieren (Klarheit vor Einheit!), was sich jedoch als schwierig erweist, aufgrund ihrer Pluralität. Ein manchmal mehr oder minder loser Zusammenhang von Individuen, welche sich in Aktionsbündnissen, Netzwerken, Partygelage, Debattierclubs zusammenfindet, wo viel Schall und Rauch erzeugt wird. Die Ergebnisse sind mager, gar unbedeutend. Die Ziele sind doch aber so hoch.

Vielleicht sollte man sich darüber im Klaren werden, dass ideologische Hindernisse selten bis nie überwunden werden. Sie sind in jeder Hinsicht größtenteils unvereinbar miteinander. Das muss akzeptiert werden.

Letztendlich existiert bereits ein Konzept. Die Kunst besteht darin es nicht zu wiederholen, sondern dialektisch, würdigend diese Dinge zu erforschen. Wer sich auf keine Tradition beruft, wird immer im Ekklektizismus (Lebensstandard hat nur geringfügig etwas mit Konsumstandard zu tun) verharren und somit auch mittel- bis langfristig handlungsunfähig. Die Geschichte muss als Kompaß dienen, wobei aber nicht moralische Betrachtungen eine Rolle spielen dürfen. Die Analyse fordert scharfen Verstand, nicht scharfes Temperament. Das kann man sich für die Motivation aufheben aktiv zu werden.

Also sollte man vielleicht, die mit der größten gemeinsamen Schnittstelle um sich sammeln und eine straffe Organisation schaffen. Es geht schließlich um Effektivität. Das hohe Ziel immer vor Augen! Die Schritte müssen aber sehr kurz gegangen werden und sich an der historisch konkreten Situation orientieren..
Nun beginnt der nächste Abschnitt, wenn man sich selbst adäquat definiert hat, muss man nun anhand der Realität die wirklichen Möglichkeiten ins Auge fassen. Welche politischen Kampfformen sind möglich bzw. angebracht. Wen wollen wir ansprechen? Wie? Eine Arbeiterklasse existiert, das hängt von objektiven Gegebenheiten ab und nicht, ob sie DSDS gucken und die CDU wählen.

Wie können wir unsere Ideen wirksam verbreiten? Flyer? Nein. Demos? Nein. Audimaxbesetzungen? Nein. Diese Sachen üben auch momentan keinen Druck aus. Versetzt euch doch in die Lage des Gegners, der Klassenfeind. Ich würde heftig lachen über bunte Proteste. Ich tue es jetzt schon und bin kein Ausbeuter. G8-Proteste, Bildungsstreik, usw. sind wirkungslos und infantil. Vielleicht scheitern sie auch an zu hoch gesteckten Zielen? Die Phrasen, die dabei laut werden, sind inhaltlich genauso schwach, wie ein Lenin auf dem Cover, aber nicht im Heft. Füllt sie mit Inhalt und bedient euch nicht der bürgerlichen Marketingstrategien. Dann erst werdet ihr besser als das Bürgertum sein. Auch ihr seid anscheinend genauso – trotz eurer Freiräume – allen Kapitalverwertungsgesetzen unterworfen und bestätigt sie.

Außerdem sollte man sich auch über das ganze Subjekt-Objekt Problem im Klaren werden. Die Realität ist Widerspruch. Eine Weltrevolution wird es nicht geben. Hierzu bedarf es aber der scharfen Analyse. Revolutionäre Situationen entstehen nicht, wenn es zahlenmäßig viele Linke gibt oder wir alle gemeinsam beschließen den Kapitalismus abzuschaffen, was auch immer das heißen mag. Die Geschichte lehrt uns, wann eine revolutionäre Situation vorherrscht und wer sie ausnutzen kann. Also macht euch bereit für diese Zeit. Sie wird eventuell in unserem Leben nie kommen.

Die hier angesägten Dinge sind nicht neu, geradezu alter Kaffee, aber liegen unter den Trümmern schwarzer Reaktion und Konfusion, denn das was momentan Gegenstand der Aktionen bis hin zu den Diskussionen ist, liegt historisch und inhaltlich noch weit vor dem Angesägten. Romantisch sozusagen.

Anmerkung: Alles hier Angebrachte ist bewusst allgemein und offen gehalten, um nicht irgendwelche Parteireflexe zu provozieren, was natürlich nicht bedeutet, dass der Text nicht provoziert. Außerdem entsprang er Gedanken der vorherigen Ausgabe und ist somit als Diskussionsbeitrag gedacht.