hubschrauberpilot bis es weh tut

von Inge Käfer

Steffen B., 39 Jahre, Linker, G8-Gegner, Vater, Freund und auf einem Auge blind. Eine „Feuerlöschkreiselpumpe“ mit einer Leistung von 2.200 Litern in der Minute bei 15 bar und einer Wurfweite von 65m, kostete ihm das Augenlicht. Aus Neugierde, so das Gericht, begab sich Steffen B. am Rande des G8-Gipfels 2007 in die Gefahrenzone. Bislang scheiterten alle von ihm angestrengten gerichtlichen Verfahren. Auch das Klageerzwingungsverfahren wurde abgelehnt. In der letzten Potsdamned erschien daraufhin ein Interview mit Steffen B. Die Kommunikationsguerilla hat zugeschlagen. Wie steht es in der Linken Szene um das Medienverständnis? Hier der Versuch einer Annäherung.

Diotima, eine Hohepristerin und Seherin aus Mantinea, führte mit Sokrates folgenden Dialog:

(Sokrates) Ist Eros also hässlich und schlecht?
Sie aber sprach: „Wirst du still sein! Oder glaubst du, was nicht schön ist, müsse deswegen schon hässlich sein?“
„Ja doch!“
„Und wenn nicht weise, so unwissend? Oder weißt du nicht, dass es ein Mittleres zwischen Weisheit und Unverstand gibt?“
„Und was wäre dies?“
„Die richtige Vorstellung, ohne dass man Gründe dafür anzugeben vermag, ist offenbar noch kein Wissen, – denn wie könnte etwas Unbegründetes ein Wissen sein? – aber auch keine Unwissenheit. Denn wie sollte wohl, was Seiendes erfasst, Unwissenheit sein? So ist doch wohl die richtige Vorstellung ein Mittelding zwischen Einsicht und Unwissenheit.“/1 (Also ist offenbar die richtige Meinung so ein Mittleres zwischen Einsicht und Unwissenheit.“)

Was bestimmt unsere Wahrnehmung, wie wird sie bestimmt? Was passiert mit der Flut an Informationen, die tagtäglich auf uns einströmt? Wie machen wir uns ein Bild von den Dingen? Was macht unseren Verstand aus? Was bestimmt letztlich unseren Umgang mit den Medien? Vorstellung alias Intuition?

Diese zeitgemäßen Fragen, lassen sich nach den z.T. tumultartigen Reaktionen auf das Interview „Endlich Hubschrauberpilot“ durchaus stellen.

Der „Fall“ Steffen B. ist sicher schon vielen zu Ohren kommen. Das nahm die Autorin an, setzte es jedoch nicht voraus. Deshalb, bot sie eine knappe Zusammenfassung des Vorfalls im Teaser und ein „up to date“ im Nachtrag (Anmerkungen) an. Fundierte Kenntnisse waren somit nicht notwendig. Zudem nahm die Autorin an, dass eine solche Zusammenfassung insbesondere im Hinblick auf die allgemeinen Repressionen während des G8-Gipfels, und bezüglich der nachfolgenden juristischen Querelen als typisch und durchaus systemimmanent wahrgenommen wird. Dass es beim G8-Gipfel zu Isolationen und gewalttätigen Übergriffen durch die Polizei auf Demonstrantinnen kam, wird vermutlich nur wenige LeserInnen erstaunt haben. Dass es dabei vereinzelt Menschen so traf, dass sie bleibende Schäden davon trugen, scheint schlüssig zu sein. Und so sehr gewaltvolle Polizeieinsätze als bekannte und staatlich legitimierte Mittel der Erhaltung und Sicherung bestehender Machtverhältnisse dienen, schien es aus Sicht der Autorin eher logisch, dass dieses Mittel eben gerade auf dem G8-Gipfel auch „Mittel der Wahl“ war. Die Polizei ist ebenso wie die Staatsanwaltschaft das Vollzugsorgan der Exekutive. Ihre Berechtigung und ihren Handlungsspielraum erhält sie aufgrund der Kontrolle durch die Legislative (Bundestag, Bundesrat usw.)/2 Folglich könnte daraus geschlussfolgert werden, dass eine von der Gesetzgebung legitimierte Gewaltanwendung durch das Vollzugsorgan Polizei, nicht gleich wieder durch das Vollzugsorgan Staatsanwaltschaft in Frage gestellt wird. Deshalb, so die Vermutung der Autorin, würde es nur wenige verwundern, dass Steffen B. bis zum vermeintlichen Klageerzwingungsverfahren, kein juristisches Verfahren gewann – weder bei der Staatsanwaltschaft, noch bei der Generalstaatsanwaltschaft. Und die Erfahrungen zeigen ja, dass linke AktivistInnen hierzulande eher Repressionen, als wohlwollende juristische Unterstützung erfahren.
Mit Erstaunen musste die Autorin nun aber feststellen, dass es trotzdem einige LeserInnen doch gar nicht so abwegig fanden, dass ein Wasserstrahl schießender Polizist aus Verzweiflung Mitglied in der vom Verfassungsschutz beobachteten Solidaritätsorganisation „Rote Hilfe“ wird, dass ein durch Polizeigewalt schwer verletzter Mensch eine umfängliche klinische Augenbehandlung in Dubai und eine Kostenübernahme der Behandlungen sowie begleitende Maßnahmen durch Bundespolizei und Innenministerium erhält, dass auf dieser Grundlage gegen den Autohersteller Mercedes Benz und die Firmen Metz und Ziegler geklagt wird und Wasserwerfer in Zukunft nur noch im Rahmen von Feuerwehreinsätzen erlaubt sein werden. Der geneigten Leserschaft wurde ein Interview präsentiert, das mehr als 16(!) widersprüchliche und falsche Informationen enthielt. Zudem befanden sich – wie gesagt – am Ende des Interviews in gleicher Schriftgröße (!) Anmerkungen der Autorin, in denen zusammengefasst die aktuellen Fakten zum Fall Steffen B. standen. Doch nicht alle Menschen haben den Text ersten vollständig gelesen und zweitens den Fake durchschaut. Offenbar nicht wenige haben – z.T. freudig erstaunt über die glückliche Wendung im Fall Steffen B. – geglaubt, was im Text stand. Erst als nach und nach klar wurde, dass hier Verwirrung gestiftet wurde, meldeten sich selbsternannte MedienwissenschaftlerInnen, wütende LeserInnen und traurige PhilosophInnen zu Wort. Das Geschrei war groß. Die Rede war von Betrug, unseriöser Arbeit, Verarschung und Gemeinheit. Sogar unser Freund Henri von der PNN bastelte bereits an einem Artikel, der auf den profunden Erkenntnissen jenes Interviews basieren sollte. Wer von den Gutgläubigen würde nun noch einmal auf unseren Henri schimpfen?
Es wurden alle erdenklichen Geschosse gegen Redaktion und Autorin aufgefahren, selbst Steffen B. wurde angefeindet. Eines schien klar zu sein, hier wurden Menschen betrogen. Der angebliche Betrug war – aus Sicht der betrogenen Leserschaft – perfekt getarnt und als solcher nicht erkennbar. Anders als im politischen Kabarett kam nicht nach der Sprechpause die Aufforderung zu lachen, weil der Witz als solcher gründlich deklariert ist. Auch stand zwischen den Zeilen weder „Vorsicht“, „Achtung“ oder „bitte lachen“. Plötzlich gab es keine Hilfestellung und keine einleitende Aufklärung. Der/die Leser/in war sich selbst überlassen und musste Kraft eigener Anstrengung einen Text dekodieren, der nur so von Widersprüchen und Ungereimtheiten wimmelte. Und was das Schlimmste zu sein schien, hier wurde ein Text serviert, dessen Genre, nämlich das Interview, Seriösität und Authentizität unbedingt für sich beansprucht.

Was war passiert?

László Mèrö/3 argumentiert in seinem Werk mit den Worten des genialen Konstrukteurs Trurl in einer Geschichte von Stanislaw Lem (Kyberiade), der von seinem König betrogen und dadurch um sein wohlverdientes Geld gebracht wird. „… bei meinen Bemühungen, einen Verstand zu überlisten, der perfekt war, (musste ich) einen festen Punkt finden, ich fand ihn in der Dummheit.“ Die Lösung, die Trurl schließlich fand, lag außerhalb des gewohnten Bezugssystems. Ihm half letztlich seine Fähigkeit, das bestehende System nicht nur als solches zu erkennen und zu abstrahieren, sondern sich auch aus ihm hinaus zu bewegen, es sozusagen von außerhalb zu betrachten und damit andere Lösungsmöglichkeiten zuzulassen. Was Trurl gelungen ist, scheint einigen LeserInnen des Interviews nicht gelungen zu sein. Vielleicht waren sie zu sehr eingebunden in klare Vorstellungen – möglicherweise in die der Seriösität und Authentizität des Genres Interview oder in die Logik der Abfolge der beschriebenen Geschehnisse. Innerhalb des eigenen Bezugssystems ist das Geschilderte durchaus nicht unwahrscheinlich. Gerade deshalb stellt sich plötzlich die Frage, wie starr unsere Bezugssysteme sind und wie sehr sie uns dadurch anfällig für Manipulationen machen. Und daran anknüpfend lässt sich weiter fragen, inwiefern unser (geistiges) Bezugssystem auf unserer inneren Ordnung von Gedanken beruht, die in der Gedächtnisforschung der Anschaulichkeit wegen auch Schemata genannt werden. Denn es sind genau diese Schemata, die, hierarchisch geordnet, unsere Intuition (Vorstellung) ausmachen. Wer kennt ihn nicht, den beliebten Spruch, ich sehe nur, was ich sehen will. Übersetzt heißt das, ich sehe, was mich meine Schemata sehen lassen. Jedes Schema ist auch Bezugssystem und bildet sich durch die Interaktion mit der Umwelt heraus. Obwohl es gerade dieses Bezugssystem ist, welches ursächlich für die Manipulierbarkeit verantwortlich ist, befähigt es uns auf der anderen Seite zur Orientierung in der eigenen kulturellen und menschlichen Umwelt./4 Während das Bezugssystem gemeinhin als Maßstab der Intelligenz sich in seinem Umfeld zu orientieren, gehandelt wird, ist es nach Mèrö genau nicht so. Intelligenz bedeutet demnach die Fähigkeit, die Bezugssysteme zu wechseln, also über eine „besonders effektive und folgerichtige“ Intuition zu verfügen. Zusammengefasst ist die Unfähigkeit, Bezugssysteme zu wechseln, die Ursache dafür, nicht zu erkennen, ob und inwieweit eine Information richtig oder falsch, in welchem Kontext sie steht und wie sie zu bewerten ist. Dem liegen bestimmte Schemata zugrunde, die bei geringer (quantitativer und qualitativer) Komplexizität am Ende schließlich darüber entscheiden, ob es sich um einen dummen Menschen handelt. Denn erst ein kluger, ist offensichtlich zu folgerichtiger Intuition fähig.
Wer hätte gedacht, dass hier so tief greifende Mechanismen am Werk sind? Schlimmer noch, sie sind möglicherweise
auch noch genau dort und bei denen am Werk, die glauben, davor gefeit zu sein.
Das Verfremdungsprinzip, mit dem die Kommunikationsguerilla erfolgreich arbeitet, versucht damit genau solche Mechanismen aufzudecken, die das existierende kapitalistische System überlebensfähig machen. Transportmittel sind die Medien, bleibt die Schrift, der Ton, das Bild. Die Autorin dieses Artikels und des Interviews, hat durch Verfremdung in einen Kommunikationsprozess eingegriffen, indem sie die Leserschaft ihrer eigenen vorstrukturierten Wahrnehmung überführt hat. Verfremdungen sind „subtile Veränderungen der Darstellung des Gewohnten, … über Verschiebungen Bedeutungen herstellen, die nicht oder erwartbar sind.“/5 Verwirrung entsteht also dadurch, dass eine Situation nicht in Frage gestellt, sondern aufgrund seiner Normalität für selbstverständlich gehalten wird. Das gelingt nicht mit ironischer Distanz, sondern mit der Inbrunst des Ernstes. Einzig vorhandene Widersprüche oder unausgesprochene Brüche machen die Verfremdung offenkundig. Doch die Autorin muss in stiller Trauer feststellen, dass Tilman Baumgärtel mit seiner Kritik über das Handbuch der Kommunikationsguerilla recht hatte, als er sagte, „So wie ein Witz nicht mehr lustig ist, wenn man ihn erklären muss, so sind auch die Strategien der sogenannten Kommunikationsguerilla in dem Augenblick wertlos, in dem man sie mit deutscher Gründlichkeit auseinandergepfrimelt und noch dem letzten Trottel verklickert hat.“
Und warum das Ganze? Um „unausgesprochene oder naturalisierte Machtbeziehungen, verdrängte oder normalisierte Aspekte gesellschaftlicher Verhältnisse sichtbar und bewusst zu machen“/6 – besonders für die, die glauben, es am wenigsten nötig zu haben. Steffen B. hat bislang alle Verfahren verloren, einzig das zivilrechtliche steht noch aus. Symptomatisch für unsere Selbstgefälligkeit und Ignoranz, hängt in aller Stille und Vergessenheit ein Verfahren in der Schwebe, an das sich ein Mensch in der Hoffnung klammert, Wiedergutmachung und Gerechtigkeit zu bekommen. Anstatt ihn dabei moralisch, materiell oder gar institutionell zu unterstützen, ist längst Gras über die Sache gewachsen.
Bei allen Zerwürfnissen, die das Interview verursacht hat, der Fall Steffen B. ist wieder in Euren/unseren Köpfen, und genau da gehört er hin, bis die Sache für ihn überstanden ist!

Bis zum nächsten Mal!

Eure Inge Käfer

Fußnoten
/1 http://www.gottwein.de/Grie/plat/symp201d.php, Platon, Symposium (202a), enstanden 330 v.Chr.
/2 [sic!] Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.
/3 László Mérö, Die Grenzen der Vernunft, Kognistion, Intuition und komplexes Denken, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2002,
ISBN 3 499 61419 7
/4 ebenda
/5 Handbuch der Kommunikationsguerilla, 4. Auflage, ISBN 3-935936-04-4
/6 ebenda