Falsch Verstanden

von anonym.

Mensch könnte sagen: Alle Jahre wieder. Nun war es wieder soweit – der Bildungsstreik ist da. Doch: Alles was an der Bildungsstreikbewegung kritisierbar ist, ist kritisiert worden. Dies soll hier auch nicht zum x-ten Mal aufgewärmt werden, ebensowenig wie auf die immergleichen Forderungen eingegangen werden soll.

Bildungsproteste haben eine Geschichte oder besser: Sind Wiederholungender immergleichen Forderungen, sind Ventilfunktion und Initiationsritus für das heranwachsende akademische Prekariat. Deutlich wird das schon an Motivationsphrasen wie: „Einmal im Leben sollte jeder Student protestiert haben“. Es gehört selbst in bürgerlichsten Kreisen zum guten Ton, sich für eine Reformierung der Hochschullandschaft eingesetzt zu haben. Die Differenz zwischen Wesen und Erscheinung der Proteste sollte SchülerInnen und StudentInnen eigentlich verdächtig vorkommen. Am Widerspruch zwischen dem Anliegen, gesellschaftliche Machtverhältnisse aufzulösen und der Tatsache, an ihnen gleichzeitig produktiv mitzuwirken, wird der kritische Status der Proteste offenkundig. Es scheint jedoch, als würde dies niemandem komisch vorkommen und real tut es das auch nicht und wenn doch, wird es danach nur noch schlimmer. Warum dem so ist, dazu später mehr. Was jedoch passiert ist folgendes: Im inflationären und neuerdings sehr beliebten Rückgriff auf Schriften der Situationistischen Internationale gibt sich der kritische Teil der Studierenden den Anstrich der Radikalität oder im inszenierten Schulterschluss mit dem Mensapersonal und dem Fingerzeig auf Frau Schavan stellt der Protestierende sein Bewusstsein um gesellschaftliche Bewegungsgesetze auf traurige Art zur Schau.
Dass sie sich dabei im Begreifen des Spektakels wähnen und die inhärente Rekursion auf den marxschen Begriff des Fetischismus nicht stattfindet, führt die Kritik ad absurdum. Darin äußert sich nicht nur die Einfältigkeit der Organisatoren des Protestes, sondern auch der Happeningcharakter desselben. Als positives Resultat bleiben einzig und allein die im Managen der Proteste erworbenen und gern gesehen Softskills übrig. Bekommt mensch eine Besetzung organisiert, sollte es ein leichtes sein im Jahr darauf die Franchiseabteilung bei Langnese zu leiten.

Wenn mensch sich nun mit den Protesten auseinandersetzt, sind sie als Objekte der Erkenntnis ein geschichtliches Produkt. Und als solches sollten sie auch behandelt werden, da dies im doppelten Sinne auf sie zutrifft, sollte sie sich nicht bald ihrer gesellschaftlichen Konstitution bewusst werden.

Demnach steht im folgenden der Versuch einige Begriffe und Zusammenhänge zu nennen, auf die in der gegenwärtigen Auseinandersetzung dringend rekurriert werden sollte. Überspitzt mensch die Situation, steht die Gesellschaft an einem Übergang, dem Wechsel zu einer wissensbasierten Gesellschaft. Wissen fungiert hierbei als Triebkraft der verschiedenen Nationalökonomien und Wirtschaftsräume. Es scheint als trifft die Rationalisierung zusätzlich des Menschen eigenstes Wesen. Die lebendige Persönlichkeit wird zum Kapital, welches gehandelt wird und Gewinn maximieren soll, für andere und sich selbst. Der Schein der Freiheit wird um ein weitere gesteigert; der Englischkurs hat im Element der selbstbestimmten Bildung aufs Innerste die Steigerung des eigenen Kapitals eingeschrieben. Das Leben selbst wird zum Euphemismus, fordern und fördern konstituieren die Einheit des Individuums, aus dem es sich erschafft und erschaffen wird. Das autonome Subjekt besucht die autonome Hochschule.
Protest gibt es von allen Seiten, denn: „Zu vielen Menschen wird heute leider nicht die Möglichkeit geboten, ihre Fähigkeiten voll zu entwickeln. […] Schulischer[r] Misserfolg konzentriert sich häufig auf bestimmte Bevölkerungsgruppen und führt zu deren wirtschaftlicher und sozialer Marginalisierung.“/1 Das sagt die OECD und bedauert: „All zu oft werden solche Debatten sehr hitzig geführt, ohne Klarheit zu bringen.“ Schöner könnte es auch die Bildungsstreikbewegung nicht bedauern.

Werte und Leitbilder, die mit beiden Forderungen einhergehen, sind Chancengleichheit und Individualisierung. Anders: Die Bildungsstreikbewegung wärmt die Leitbilder der bürgerlichliberalen Gesellschaft auf. Chancengleichheit fällt wiederum ebenso mit einer Definition von Humankapital zusammen, nämlich die Steigerung und Verbesserung individueller Chancenfähigkeit. Ersichtlich ist die ähnliche Sprache beider Pole der Betrachtung von Bildung und der häufig unreflektierte Gebrauch derer. Dem ökonomischen Diskurs kann mensch zu Gute halten das er verloren ist und durch sein gesellschaftliches Sein zu falschem Bewusstsein verurteilt. Schwieriger wird dies bei der (eigentlich gemochten) Bildungsstreikbewegung, wollen sie doch eigentlich die Guten sein gegen Bertelsmann & Co. Es stellt sich also die Frage, wie kann oder konnte es dazu kommen?

Die Ziele des bürgerlichen Schulsystem lassen sich in 3 Schlagwörtern zusammenfassen: Individualisierung, d.h. Kompetenzentwicklung für ein selbstbestimmtes Leben, Integration, also Teilhabe am wirtschaftlichen und politisch-kulturellen Leben und schlussendlich Akzeptanz der Grundrechte, wonach Schule und Universität einen Konsens über die Grundwerte zu einem und Loyalität gegenüber dem Gemeinwesen zum anderen herstellen./2

Der einzige Unterschied ist die Konnotation der dargelegten Fakten. Während die Wirtschaft jene Begriffe als Investition auffasst, die eine marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaft konstituiert, könnte mensch aus den diffusen Äußerungen der Bildungsstreikbewegung folgern, dass sie selbstbestimmtes Leben als Voraussetzung für eine selbstbestimmte Gesellschaft einfordern. Die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft führt dies schön aus: „Bildung ist Geld, ohne Geld ist sie nichts“, woraus sich notwendigerweise ergibt, dass ein Studium, dessen (ökonomische) Erfolgsaussichten schlecht sind, besser unterbleibt./3 Folglich stehen die Geisteswissenschaften und alles ökonomisch Nichtverwertbare zur Disposition. Das Schöngeistigkeit auch in Naturwissenschaften möglich ist, scheint für den Bildungsstreikenden unvorstellbar, doch nicht zuletzt offenbart sich an diesem latenten Negativausdruck ein wahrer Teil. Die positive Bestimmung von Bildung läuft in diesem Sinn wieder auf Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe hinaus. Die Argumentation ist zirkulär, ebenso wie der vorliegende Text kommt eine positive Bestimmung nicht von bürgerlichliberalen Vorstellungen los. Der Grund ist, dass in den Idealen der bürgerlichen Gesellschaft die materielle Basis der nächsten enthalten ist: Eine befreite Gesellschaft verwirklicht die Ideen von Freiheit und Gleichheit und spricht nicht nur von ihnen.

Deswegen ist die Bildungsstreikbewegung in ihrer jetzigen Form überflüssig. Selbst wenn sie erreichen sollte, dass sich ein rechtlicher Rahmen zu ihren Forderungen bildet, verwirklicht sie damit nicht eine emanzipatorische Gesellschaft, sondern emanzipiert die bürgerliche. Sie äußert nicht das Bedürfnis einer befreiten Gesellschaft, sondern die Befreiung der Bildung von den Fesseln der Ungleichheit. Dass hier das Postulat der bürgerlichen Aufklärung selbst eingeschrieben ist, gereift ihnen nicht zum Gedanken. Ein freier Markt ist ohne den freien Zugang aller, d.h. ohne die Befreiung von ständischen und zünftischen Schranken, nicht denkbar, ebenso ist ein freier Wissensmarkt nicht ohne freie Bildung für alle möglich. Ersteres war die revolutionäre Rolle des Bürgertums. Gemessen an der Geschichte sind die gemachten Behauptungen z.T. undifferenziert und übertrieben, aber es geht mir darum, eine Tendenz zu konstruieren, die es ermöglicht, die Rolle der Bildungsstreikenden zu kritisieren.

Nehmen wir daher an, ihnen fällt geschichtlich eine ähnliche Rolle wie dem Bürgertum zu: Das Monopol einer bildungsbürgerlichen Klasse, insofern eine solche überhaupt noch existiert, auf die Bildungsgüter zu brechen. Sie verwirklichen damit jedoch nicht ihre eigenen Interessen sondern jene eines sich durchsetzenden geschichtlichen Prozesses, den Übergang der westlichen Welt von einer der Einfachheit halber als industriell bezeichneten zu einer Informations- und Wissensgesellschaft. Frei nach Adorno: Das was sich hier über die Menschen, vermöge ihrer eigenen Interessen durchsetzt, setzt sich gegen den Menschen durch und dies ist ein Widerspruch. Autonomie wird zur Marktautonomie, lebenslanges Lernen zur Weiterbildung und Flexibilisierung, Bildung zur Bereitschaft in die eigene Zukunft zu investieren, Eigenverantwortung zur Selbstaufgabe und dem unbegrenzten Zugriff des Kapitals auf eigene Lebenszeit. Da nicht die Begriffe sondern der ihnen zugrundeliegende materielle Prozess geschichtlich sich durchsetzt, geschieht eine ungewollte Umdefinition und kritische StudentInnen verwirklichen die Anforderungen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses.

Dabei sind Privatisierung und Verbesserung des öffentlichen Bildungswesen durch längeres gemeinsames Lernen, Schüler-BAföG und freien Hochschulzugang nicht Widersprüche, sondern ergänzen sich./4 Während die vom ständigen Abrutschen bedrohte Mittelschicht froh ist, dass ihre Kinder auf Privatschulen nicht mehr mit dem gesellschaftlichen Ausschuss konfrontiert sind, erhalten jene das Gefühl, auch endlich akzeptiert zu werden. Dass sich strukturell jedoch rein gar nichts ändert, ist dabei irrelevant. Wo Bildung zur Ideologie wird, verwischt sie die Grenzen zwischen gesellschaftlicher Macht und Ohnmacht. Die Integration der Nichtintegrierbaren hat ein sozialpsychologisches Moment zu Voraussetzung, welches sich u.a. in Individualisierung und Selbstbestimmung durch Bildung ausspricht. Dass sie dabei weiterhin diejenigen bleiben, die die gesellschaftliche Last zu tragen haben, steht dabei überhaupt nicht zur Disposition.
Was sich nun durch freien Hochschulzugang, Privatisierung und Einheitsschule durchsetzt, ist nicht die Emanzipation des bürgerlichen Subjekts sondern ein Komplex aus Angst, Flexibilisierung, Leistungsdruck und frühkindlicher Optimierung.

Dem gesellt sich ein zweiter fast noch wichtigerer Aspekt anheim. Der Prozess zur gesellschaftlichen Öffnung der Bildungsgüter und -institutionen ist leidlich selbst gewollt von den herrschenden Schichten (mensch schaue nur zu den protestierenden Eltern in Hamburg), die aus der bisherigen „Exklusivität“ von Bildung nicht nur ihre gesellschaftliche Privilegierung rekrutieren, sondern vielmehr objektiv determiniert. Die Grenzen der Prozesse verlaufen jedoch viel komplexer als das Gut-Böse-Schema der Protestierenden vermuten lässt. Nicht zuletzt äußert sich dies in der gleichzeitigen Existenz von Elitehochschulen und Massenuniversitäten, von Gemeinschaftsschulen und Gymnasien ab der 5. Klasse in der bundesrepublikanischen Bildungslandschaft.

Die Gleichzeitigkeit resultiert aus den Kämpfen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte, die sich gegenseitig blockieren zu scheinen. Während die einen so noch ihr Privileg verteidigen und im G8 Modell zu steigern suchen, ist es ökonomisch längst zur Disposition gestellt und die Gemeinschaftsschule wird von Linkspartei und SPD durchgesetzt; während die einen für freien Zugang zu Bildung kämpfen, ist er ökonomisch notwendig geworden; während die einen die ökonomische Notwendigkeit von der Liberalisierung einfordern, graut den anderen vor Auflösung gesellschaftlicher Schranken. Der ökonomische Grund der Verhältnisse, die Spaltung zwischen wirtschaftlicher Macht und Ohnmacht, zieht so tendenziell auch die Mächtigen in ihren Bann. Die Selbstverflochtenheit der Herrschenden in die ihnen äußerliche Macht führt sie ihrer eigenen Entfremdung zu, unter deren Bann gravitierend sie die Möglichkeit verpassen, gesellschaftliche Prozesse zu beherrschen.

Schlussendlich: Es bleibt festzuhalten, Warenförmigkeit von Bildung und freier Zugang zu ihr schließen sich heute nicht aus, sondern ergänzen sich. Reflektiert sich die Bildungsstreikbewegung ganz ungeachtet der realen Probleme nicht darauf, sind ihre Forderungen zur fragwürdigen Gegenwart geworden. Sollte dagegen wiederum protestiert werden, haben wir unsere Begriffe fast vollständig an die Realität verloren. Selbst in den eigenen Forderungen wird die Schlichtung dieses Antagonismus immer deutlicher, so dient für eine längere Beziehung von BAföG lebenslanges Lernen als Argument, für besser Ausstattung der Schulen und Hochschulen die Investition in die Zukunft. Die euphemisierte Sprache kann nur durch eine radikale Gesellschaftskritik gebrochen werden, deswegen sollte es zu einem Grundanliegen werden, die Differenz zwischen Wesen und Erscheinung auszuführen, oder was das Gleiche ist: Sich die marxsche Gesellschaftskritik zu eigen machen, anstatt reformistische Forderungen zu postulieren.

anonym.

Fußnoten
/1 http://www.oecd.org/dataoecd/9/10/41592995.pdf

/2 Vgl. Lohmann, Ingrid; Liesner Andrea (Hrsg.): Gesellschaftliche Bedingungen von Bildung und Erziehung. Eine Einführung.
Kohlhammer, Suttgart 2010.

/3 http://www.deutschland-denken.de/files/download/15/humankapital.pdf

/4 Oder der Vorsitzende der Jungen Liberalen aus dem Zusammenhang zitiert: „2040 weiß die ganze Welt, wie Deutschland seinen Status als Wirtschaftsmacht erhalten und festigen konnte – Bildung, made in Germany. […] Denn soziale Marktwirtschaft und Bildung sind zwei Seiten derselben Medaille. Geprägt wird diese durch Freiheit.“ „50 Jahre deutsche Einheit. Ein fiktiver Rückblick.“ In: magazin 1_10 der Friedrich Naumann Stiftung.