Editorial #11

Liebe Leser_innen, lieber Henry Kramer,

In unserer letzten Ausgabe haben wir einen Beitrag veröffentlicht, der zu einem – für potsdamned-Verhältnisse – innovativen Stilmittel gegriffen hatte: der Satire. Es handelte sich um ein fiktives Interview mit Steffen B., dem potsdamer Betroffenen eines leider überhaupt nicht fiktiven brutalen Wasserwerfereinsatzes beim G8-Gipfel in Rostock, der zur Erblindung seines linken Auges geführt hat. In dem „Interview“ ging es – Achtung, an dieser Stelle wird der „Witz“ vorweg genommen! – u.a. darum, dass der den Wasserwerfer bedienende Polizeibeamte in die Rote Hilfe eingetreten ist, Steffen B. in den Genuss einer Reihe ausgefallener und hoher Kompensationsleistungen kommt und die schwarz-gelbe Regierung die Nutzung von Wasserwerfern auf Einsätze der Feuerwehr beschränken möchte. Knapp zusammengefasst: alles (leider) Fiktion. Bullen kommen bekanntermaßen nach ihren Gewalteskapaden meist straflos davon.*
Sei es aufgrund des ansonsten seriösen Interviewstils – also der „gelungenen“ bzw. „nicht gelungenen“ „Satire“ – oder einer recht oberflächlichen Lektüre durch die geneigten Leser_innen: der Beitrag ist nicht gut angekommen. Teilweise wurden die dargestellten „Fakten“ für wahr gehalten, und dann, als sich die tatsächlichen Fakten zurecht rückten, gab es Irritation bis Empörung und es wurde an die „Redaktion“ heran getragen, dass sie ja auch eine verantwortungsvolle Rolle hat und ob so ein Beitrag denn so veröffentlicht werden könnte usw. Hm…
Einige Mitglieder des Potsdamned-Kollektivs sind beim Highspeed-Überfliegen des Textes auch selbst in die Falle getappt, das Dargestellte für wahr zu halten und nicht weiter darüber zu sinnieren. Da stellte sich allerdings für uns auch die Frage, ob nicht die Leser_innen eines Textes auch die Verantwortung haben, gründlich zu lesen, wobei sich vielleicht die tatsächliche message des Interviews aufgetan hätte, zumindest den „Szene-Leuten“. Und was ist eigentlich mit denen, die „da“ nicht so drin stecken? Außerdem: Wenn überall, wo sich Autor_innen Mitteln der Verfremdung oder Ironie bedienen, groß drübersteht: „Hey Leute, nich ernstnehmen, is nur Spaß!“, dann untergräbt das vielleicht den Sinn dieser Stilmittel. Oder doch nicht? Und welche Kriterien muss eine „gelungene Satire“ einhalten? Wir wissen es doch auch nicht. Positionierungen dazu werden wie (fast) alles andere in den nächsten Ausgaben gern gedruckt.

Kommen wir nun zu etwas ganz anderem: Wir wollen an dieser ein ausdrückliches Lob an Henry Kramer aussprechen: Und zwar dafür, dass er seinen zuletzt fabrizierten Unsinn* in der PNN wenigstens in der Kommentarspalte und nicht unter dem Deckmantel seriöser und investigativer journalistischer Arbeit veröffentlicht hat. Seinen Unmut erregt Anfang Juli „ein kleines Pappschild(sic!) auf dem Bürgersteig vor der Zeppelinstraße 26“. Die Aufschrift des Ärgernisses: „Hupen gegen ’schland“. Es wird nun – wie immer über alle Maßen politisch informiert – geschlussfolgert: Das Pappschild „unterstellt, dass in jedem Fan, der begeistert die schwarz-rot-goldene Fahne schwenkt, gleich ein faschistoider Barbar stecken könnte.“ Eine beeindruckende Analyse. Zum einen, das nur am Rande, da man unseres Erachtens in der Auseinandersetzung mit faschistoiden Barbaren vielleicht über etwas wirksamere Methoden als Hupen nachsinnen sollte.
Darüber hinaus ist es vielleicht ratsam, sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass Politik nur auf der Ebene mordbrennender Grüppchen stattfindet. Die Einsicht, dass politische und soziale Zusammenhänge komplex sind, kann dazu motivieren, sich über („nationale“) „Identitäten“, an deren Konstruktion du, Kramer, in deinem Kommentar fleißig mitmachst, fernab eines ganz-besonders-gut/ganzbesonders-böse – Schemas einen Kopf zu machen und würde vielleicht auch helfen, in Zukunft keine linken Projekthäuser mehr zu denunzieren.

Schließlich möchten wir noch darauf aufmerksam machen, dass unser renommiertes Modelabel eine neue Kollektion von furchtbar trendigen T-Shirts und noch viel trendigeren Stoffbeuteln entworfen hat. Viel soll gar nicht verraten werden. Vielleicht nur, dass das Designer_innenkollektiv nach zahlreichen Latte Machiato in 24-stündigen Zusammenkünften vor dem ibook zur durchschlagenden Innovation gekommen ist, dass sich die umkämpfte und diffuse Identität der Potsdamned! mittels einer antropomorphen Biene wohl am besten zum Ausdruck bringen lässt. Und: die zugrunde liegenden t-shirts sind mindestens second, wenn nicht third oder gar fourth hand. D.h., auch über Arbeitsbedingungen in Sweatshops muss man sich gleich gar keine Gedanken machen, sondern kann guten Gewissens zugreifen, ab sofort und gegen Spende im Buchladen Sputnik, Charlottenstraße 28.

Uns allen wünschen wir eine angenehme und kritische Lektüre!

Die potsdamned!-Crew

/*amnesty international hat diesem Thema jüngst einen detailierten Bericht und eine Kampagne gewidmet: http://www.amnestypolizei.de/kampagne/bericht.html
/* http://www.pnn.de/potsdam/308676/?

Der Einsendeschluss für die 12. Ausgabe ist der 30.09.2010.
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potsdamned!, c/o konte[:x]t Potsdam, H.-Elflein-Str. 32,
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