Die Rückkehr der langen Kerls

von Bündnis Madstop

Am Samstag, dem 19. Juni war es wieder so weit: die Potsdamer Langen Kerls wollten (nach einer längeren – durch Proteste erzwungenen – Pause) öffentlich auftreten und ihren historisierten Klamauk betreiben. Das geschichtsrevisionistische Spektakel sollte vor dem Kutschstall am Neuen Markt stattfinden, musste aber „leider“ nach innen verlegt werden. Seit nunmehr zwanzig Jahren versuchen die Langen Kerls die preußische Geschichte zu verklären, reden von preußischer Toleranz und meinen doch nichts anderes als Kadavergehorsam, Ruhe und Ordnung.

Die Langen Kerls waren „Seiner Königlichen Majestät Regiment“ Friedrich Wilhelms 1., dem so genannten Soldatenkönig. Bereits als 15-jähriger entwickelte das Prinzchen eine Marotte für lange Kerls, welche er als Spielzeugsoldaten auf dem Jagdschloss Wusterhausen halten und zu seiner großen Freude meist ab 5 Uhr morgens stundenlang über den Platz exerzieren lassen konnte. Diese Leibgarde verschlang nicht nur verheerende Summen des königlichen Haushalts; man scheute auch keine Mühe, um die Garde mit allen Mitteln zusammenzurauben. Große Männer mit Gardemaß (mind. 1,88m) wurden oft, sofern sie nicht freiwillig folgten, des Nachts aus ihren Häusern oder von der Straße weggefangen und zum Dienst gezwungen, weshalb eine
Welle von Flüchtlingen Preußen überraschend verließ. Dies wiederum veranlasste Friedrich Wilhelm 1. auch im Ausland nach „Riesen“ zu spähen, was ihm erhebliche diplomatische Schwierigkeiten und gar Kriegsdrohungen bescherte.
Auch wenn das Regiment eine reine Paradegruppe war, welche eher aus ästhetischen Erwägungen zusammengestellt wurde, stehen die Langen Kerls für die preußischen „Tugenden“ Disziplin, Sauberkeit und (Kadaver-)Gehorsam sowie für die Unterordnung des Einzelnen unter den Militärstaat, der seine Untertanen anhand von Tauglichkeit und Verwertbarkeit klassifizierte und alle vermeintlich Anderen ausschloss. Dies erfuhr seine Kontinuität im Nationalsozialismus.

Seit 1990 nun macht es sich der militärhistorische Traditionsverein „Potsdamer Riesengarde `Lange Kerls` e.V.“ zur Aufgabe den allgegenwärtigen Zwang im militaristischen Preußenstaat folkloristisch zu verklären und marschiert „zum Zwecke der lebenden Geschichte und erfreuenden Erbauung der geneigten Zuschauerschaft (…) durch Potsdam, Deutschland und die Welt.“ /1
Die Darbietungen der Langen Kerls sind in etwa so historisch korrekt und lehrreich wie der Alltag im militaristischen Preußenstaat vergnüglich war. Ihr Treiben ist eine von vielen Zumutungen, die seit der sog. deutschen Wiedervereinigung und nach der jahrelangen Verbannung Preußens aus der kulturellen Öffentlichkeit (seit seiner Auflösung durch die Alliierten 1947) um sich greifen und sich positiv auf Deutschland und seine Geschichte beziehen.
Das Einzige, was historisch korrekt recherchiert sein dürfte, sind wohl die sündhaft teuren Garde-Uniformen, um deren Unversehrtheit die langen Kerls bei ihren Auftritten in Potsdam immer bangen mussten. Dass Preußen ein Militärstaat war, der die Leute in seine Kasernen presste, sie Spießruten laufen ließ, Deserteure erschoss und das Wohl der Bevölkerung nur solange von Interesse war, wie diese genug Nahrung, Kleidung und Männer für den nächsten Krieg produzierte, wird bewusst ignoriert.

Mit einem fröhlichen Protest, viel guter Laune und lauter Musik wurden an jenem Samstag die schon etwas angegrauten Männer vom Platze geschickt. Ihrem militärischen Unwesen konnte hierdurch erneut ein schnelles Ende bereitet werden. Kaum hatten sich die Kerls in den Kutschstall verzogen, schaute auch schon die Sonne hinter den Wolken hervor und freute sich mit den Protestierenden…
Nur zum Schluss, als sich die Langen Kerls schon im Kutschstall verkrochen hatten, zeigte die Polizei traditionsgemäß ihre Verbundenheit mit den feudalen Militärs und prügelte auf die Protestierenden ein. Getreu dem Motto: Gegen Demokraten helfen nur Soldaten – oder in diesem Fall Potsdamer PolizistInnen. Mit großer Brutalität versuchten sie, den AntimilitaristInnen eine Lehrstunde in Sachen Demokratie zu erteilen. Dabei ließen sie es sich nicht nehmen, die Anwesenden wiederholt zu beleidigen, zu schlagen und zu treten und verletzten mehrere Personen.

Bündnis Madstop


Weitere Infos unter:
http://madstop.antifanews.de/
www.kampagne-potsdam.de

/1 http://www.lange-kerls.de/portev/include.php?path=start.php