Aufgefallen:

von aco.

…ist uns mit welcher Selbstverständlichkeit mittlerweile auch in „linksalternativen“ subkulturellen Kreisen – will sagen selbst unter Menschen, welche sich sonst kritisch patriotischem Männerbündeleigehabe entgegenstellen – die Fußball-WM selbst in eigens organisierten Public Viewing geschaut wird.
Wir wollen gar nicht in die „O Gott, wie kannst du nur bei McDonalds essen, Coca Cola trinken und ins Fitnessstudio gehen“-Schiene verfallen und einen Verhaltenskatalog aufstellen, was mensch als Linke_r tun darf und was nicht. Aber dennoch unsere Verwunderung und (teilweise auch) unseren Unmut zur Diskussion stellen.
Platt gesagt steht erstmal die Frage im Raum: was ist denn daran spannend?

Spannend ist vielleicht, die Mainstreamresonanz auf die WM, die nationalen Hoch- und Tiefgefühle, der Umgang des ZDF mit „umgangsprachlichen Redewendungen“ in denen das Wort Reichsparteitag vorkommt, aus dem Mund ihrer Moderator_innen und Ähnliches. Doch dafür muss ich mir keine 90 Minuten Fußballspiel anschauen. Um den Umgang von Medien und Otto-Normal-Verbraucher_in mit dem ‚medialen Großerereignis‘ zu verfolgen, reicht es eigentlich für eine Stunde am Tag die einschlägigen Fernsehsender einzuschalten oder einfach mal kurz vor einem Deutschlandspiel mit der S-Bahn durch Berlin zu fahren.
Die wenigsten, die sich gerade während der Vokü oder im Zecken-WGWohnzimmer die WM-Spiele reinziehen, interessieren sich sonst für Fußball. Hier scheint der gesellschaftliche Mainstreamkonsens zu greifen, der sagt: das ist jetzt ein wichtigeres Ereignis als die Bundesliga, das verspricht ein Gefühl von dabei-sein, nixverpassen-dürfen, Spannung-Spaß und -Kollektivgefühl. Aber mal ehrlich: der Ausgang der ‚entscheidenden‘ Spiele ist meistens nicht überhörbar. Egal ob mensch sich mitten in Berlin oder am Ostseestrand befindet. Denn überall – im Fernsehen, Radio, auf der Straße, im Supermarkt und auch bei der Arbeit – wird mensch mit Fußball belästigt, nicht zu vergessen von dessen omnipräsenten Fans. Beschriebener Mainstream-Konsens führt auch erfahrungsgemäß dazu, dass während eines Fußballturniers, das wie ein die-Welt-für-immer-veränderndes Ereignis gehypt wird, tatsächlich mehr oder weniger weltbewegende politische Prozesse – z.B. Kürzungen der sozialstaatlichen Versorgung – vollkommen unbeachtet und vor allem widerstandslos vonstatten gehen können. Schon deshalb ist das scheinbar distanzlose Mitgehen darin so kritikwürdig.
Warum aber wird Fußball nun von so vielen sonst im Durchschnitt eher fußalluninteressierten Menschen intensiv im Fernsehen verfolgt? Liegt es nun daran, dass die ‚weltbesten‘ Fußballer gegen einander antreten und deswegen ‚Fußball der Extraklasse‘ geboten wird? Warum aber kennen wir niemanden, der die Fußball-WM der Frauen verfolgt hat? Was gleich zum nächsten Punkt führt: Fußball ist trotz aller Bemühungen von linksalternativen Fanverbänden etc. eine zutiefst patriarchale Welt, eine Bastion der Männlichkeit. Deutlich wird das unter anderem an dem – in letzter Zeit medial durchaus beachteten – Fehlen von schwulen Spielern im Fußball. Auch die rassistischen und antisemitischen Auswüchse meist an den Stellen, wo sich Fußball mit rechter Subkultur vermengt, sollten nicht außer Acht gelassen werden. Nur weil die Fußball-WM in den Medien einen fröhlich bunten Anstrich bekommen hat und Nationalismus mal eben zum ‚hart erarbeiteten‘ und ‚gerechtfertigten‘ Patriotismus wird – der ja auch nur Spaß machen soll und ganz ohne Nebenwirkungen ist, mhm –, ist diese ganze Fußball-WM und die mediale Berichterstattung durchzogen von Rassismus und europäischer Überheblichkeit. Ist es Zufall, dass gerade in diesen Tagen wieder ‚Afrikanische Tage‘ in deutschen Zoos stattfinden…? (siehe: http://blog.derbraunemob. info/)

Es geht wie gesagt gar nicht darum irgendetwas aus politischem Anspruch verbieten oder aburteilen zu wollen. Es geht einfach nur um etwas Enttäuschung über die Kreativlosigkeit der Potsdamer linken Subkultur/* und das Gefühl, dass kritische Betrachtungsweise irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Denn statt sich mit unnationalistischen Deutschlandfahnen-Schwenker_innen das reinzuziehen, was Mutti, Vati und Opa Horst auch gucken, könnte mensch sich auch die Eislauf-WM vom letzten Jahr ansehen oder – noch besser – selber ne Runde bolzen gehen.

Webtipp: Das Mandi-Comic zum Thema Fußball-WM auf mandi. blogsport.de

aco.

/* z.B. auch die des FreiLands, welchem als erste Aktion mit der das Projekt als Veranstaltungsort hervortritt, auch ausgerechnet eine „alternative“ Public Viewing – Veranstaltung gewählt hat. „Alternativ“ ist nicht etwa, dass z.B Aufzeichnungen der Frauen-Fussball-WM gezeigt wurden oder tatsächlich konsequent alle nationalistischen, rassistsichen und männertümeligen Allüren vor der Tür gelassen wurden, sondern vorrangig, weil Gäste mit Nationalsymbolen am Eingang gefragt wurde, ob sie diese nicht abgeben wollen. Muss aber auch nicht, wem’s Spaß macht in schwarz-rot-goldener Schminke mit entsprechenden Stofffetzen zu winken, dem möchte mensch das ja auch nicht verbieten, ne.